Auf Karriere-Diät

Alix Faßmann schreibt im SPIEGEL über ein sehr interessantes Thema: Karriereverweigerung. Dem kann ich in dieser Form nur zustimmen.

Wie genau das mit der Karriere geht: Ich habe das im BWLer oder Heuschreckenumfeld am eigenen Leib gelernt und erfahren. Warum ich BWL studiert habe? Ich wusste es nicht besser. Wie soll man in unserem Bildungssystem, wenn man mit 17 aus der heilen Schulwelt gespuckt wird, wissen, was diese Pläne im dicken grünen Studienverzeichnis mit der Realität zu tun haben?
Wenn ich nur vorher gewusst hätte, was hinterher auf mich zukommt …
Heute glaube ich allerdings, es ist gar nicht so verkehrt, die „Wissenschaften der wirtschaftlichen Mächte“ zu kennen und letztendlich zu wissen, wie dieser Hokus-Pokus funktioniert.

Aber zurück zum Konstrukt Karriere: Wir verkleiden uns mit teuren Anzügen (vorzugsweise Dolce oder maßgeschneidert für die Herren oder Strenesse für die Dame), hängen uns ein Prada-Täschchen um, stecken uns eine Gucci-Sonnenbrille ins Haar (die niemals die Sonne sieht) und dann: Arbeiten wir wie die Stiere (um der Gleichstellung Tribut zu zollen: Wie die Kühe). 60 Stunden und mehr die Woche. Bei Vertrauensarbeitszeit. Mit der hübschen Formulierung „Mehrarbeit, sowie Sonn- und Feiertagsarbeit ist mit dem Gehalt abgegolten“ im Arbeitsvertrag. Für das große Ziel: Die Karriere.
Schon im BWL-Studium wird uns eingeimpft: Wer nicht Unternehmensberater wird, hat verloren. Berater sein heißt: Ebenfalls das teure Kostümchen tragen, dabei aber mindestens 4 Tage die Woche aus einem kleinen handgepäcktauglichen Trolley leben und in teuren Hotels einchecken, in denen wir sowieso nicht zum Schlafen kommen. Denn ganz unten auf der Karriereleiter malen wir Power-Point Folien. Ganze Berge davon. Ständig wieder neue. Damit die, die weiter oben auf der Leiter sitzen, diese dann präsentieren können.
Dazu trinken wir haufenweise Espresso, denn Milchkaffe ist etwas für Sekretärinnen. Die haben dafür Zeit. Falls wir doch einmal schlafen wollen und gegen 22 Uhr früher gehen, haben wir ein Ersatz-Sakko in der Schublade, das wir an der Stuhllehne hängen lassen. Das Zeichen für: „ich bin gleich wieder da.“ Selbstverständlich tragen wir sogar auf dem Weg zur Toilette immer Berge von Papier oder ein elektronisches Kommunikationsmedium mit uns herum, um beschäftigt zu wirken. Die Schrittgeschwindigkeit darf dabei nie unter 6 km/h liegen.

Aber auch in der „freien Wirtschaft“ (auch so ein schöner BWL-Begriff) gibt es „attraktive Jobs“. Heißt: Wieder das Kostümchen anziehen und mindestens 60 Stunden die Woche rackern. Der Tisch wird immer voller. Und eigentlich haben wir gar keine Zeit, etwas sinnvolles zu arbeiten, denn wir sollen ja Karriere machen. Einfach nur arbeiten? Das ist zu wenig. Von den frischen, bissigen Einsteigern wird Dynamik und Engagement erwartet.
Heißt: Politik. Sich positionieren. Beim Vorstand. Besser als die Kollegen, damit wir auch berücksichtigt werden, wenn neue Visitenkarten gedruckt werden.
Der Lohn: schicke Titel auf kleinen Papierkärtchen, damit man aus dem Visitenkarten-Quartett auf gähnend-langweiligen Abendveranstaltungen als Sieger hervorgeht. Ein Parkplatz weiter vorne in der Tiefgarage. Ein Eckbüro mit 2 (!) Fenstern. Vielleicht sogar ein Firmenwagen.
Für mich gleich zwei Probleme in einem: Ich arbeite für ein Unternehmen, dem ich egal bin und bekomme dafür Dinge, die mir egal sind.

Das ganze Geld, dass es für den Job gibt, können wir sowieso nicht für uns ausgeben. Wenn wir zu Hause sind, müssen wir dringend schlafen und die Läden haben zu. Urlaub? Wann denn?  – Mit Freunden ausgehen? Mit wem denn? Die letzten realen Freunde haben sich vor 2 Jahren verabschiedet, weil sie Phantom-Freunde, die immer arbeiten, leid sind.
Der Verdienst geht für sinnlose Dinge drauf: Sündhaft teure Lebensmittel, weil der Laden am Flughafen oft der einzige ist, den wir bei Ladenöffnungszeiten erwischen. Reinigung, weil wir keine Zeit haben, Wäsche zu waschen und Hemden zu bügeln. Für Kosmetikanwendungen, um die Augenringe aus dem Gesicht zu bekommen. Schließlich verlangt der Dresscode nicht nur das teure Kostüm, sondern auch ein „gepflegtes Äußeres“.

Irgendwann stellte ich mir die Frage: Warum eigentlich? Kein Mensch wird mir für diesen Irrsinn ein Denkmal setzen. Und selbst wenn: Was hilft mir ein Bronze-Abdruck meiner selbst, der irgendwo in der Landschaft steht?

Seither hab ich meine BWLer-Karriere gegen eine Lebens-Karriere eingetauscht und meine Armbanduhr abgenommen. Ich mache nun Dinge, die mir persönlich am Herzen liegen und sinnvoll erscheinen. Für Leser und  Kunden, die meine Arbeit zu schätzen wissen. Und ich habe es noch keine Sekunde bereut.

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Nahezu zu Tode (warte)geschleift

Woher kommt eigentlich das Wort Warteschleife? Wahrscheinlich hat es weniger etwas mit dem Wort der Wiederholungsschleife oder einer ellyptischen Kreisbahn, denn viel eher etwas mit der mittelalterlichen Foltermethode des Schleifens zu tun? Mann kann durchaus Menschen zu Tode (warte-)schleifen. Wie mir scheint.

Heute im Call-Center von O2. In meinen Vertragsunterlagen steht, dass unter dieser Kunden-Hotline Vertragsänderungen und Kündigungen möglich sind. Meine zig Passwörter halte ich bereit. Ich weiß schon vom letzten Mal, dass mein Vertrag dort wie Fort Knox gesichert ist. Zumindes vor mir.

Ein Freizeichen – dann „Wenn Sie einen DSL Anschluss beantragen wollen, drücken Sie die Eins, wenn Sie sich über unsere Tarife informieren wollen, drücken Sie die Zwei, wenn Sie Fragen zu Ihrer Festnetztelefonie haben, drücken Sie die Drei.“ Nein hab ich nicht. „Wenn Sie Ihren Vertrag ändern wollen, drücken Sie die Vier.“ Nein, ich will kündigen.
„Wenn Sie ein sonstiges Anliegen haben, sagen Sie „sonstiges“ oder drücken Sie die Neun.“
Vor ich Neun drücke, frage ich mich, womit wohl die Plätze 5 bis 8 belegt sind. Bin aber gleichzeitig froh, dass sie mir nicht vorgelesen wurden.

Dann Musik (fetzige natürlich) – dann Werbung „wussten Sie schon….“ – dann Musik – dann Werbung „wussten Sie schon…“ – Musik – „wussten Sie….“ – Ja, verdammt. Weiß ich. 43 Minuten später hat es sicher auch der Letzte auswendig gelernt.
Dann ertönt: „Legen Sie nicht auf. Ihr Anruf ist uns wichtig.“
Im Ernst?!? Ich persönlich würde jetzt jemanden, der mir wichtig ist, nicht 43 Minuten….

eine mächtig motivierte Stimme weckt mich wieder auf: „Guten Tag bei O2. Mein Name ist [eine Ansammlung an Nuschellauten]. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Eigentlich ist mir schon gar nicht mehr zu helfen, aber ich formuliere: „Ich würde gerne meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Dann sind Sie hier falsch.“
Ich: „Könnten Sie mich bitte durchstellen?“
O2: „Nein, ich bin in Dresden.“
Anscheinend werden dort Anrufe noch hin und hergetragen?
Ich: „Gut, was mus ich tun?“
O2: „Die Kundenbetreuung anrufen.“
Ich: „Hab ich?“
O2: „Kann nicht sein.“
Nein, das will ich jetzt nicht ausdiskutieren. Denn der arme Mann hat sicher den Infobrief nicht geschrieben.
Ich: „Wohin muss ich mich also wenden?“
O2 diktiert mir eine 15-stellige 0180 usw. Nummer.

Ich wähle wieder.
Ein Freizeichen – dann „Wenn Sie einen DSL Anschluss beantragen wollen, drücken Sie die Eins, wenn Sie sich über unsere Tarife informieren wollen, drücken Sie die Zwei, wenn Sie Fragen zu Ihrer Festnetztelefonie haben, ….“ Nein, hab ich nicht.
Ich drücke auf Verdacht die Neun.

Musik. Musik. Musik (die gleiche wie vorher). Werbung „Wussten Sie schon….“ (die gleiche wie vorher).
36 Minuten später: „Herzlich willkommen in der O2 Kundenbetreuung. Mein Name ist [eine Ansammlung von Konsonanten]. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Ich: „Ich würde gerne meinen Vertrag bei Ihnen kündigen.“
O2: „Da sind sie hier falsch.“
Bitte nicht. Ich schweige noch ein bisschen.
O2: „Sind sie noch da?“
Ich: „Ja, ich hatte gehofft, Sie überlegen sich das noch einmal.“
O2: „Ich kann sie durchstellen.“
Ich bin heilfroh: „Ja bitte.“

Musik. Musik. Musik. 15 Minuten. Währenddessen mache ich Kaffee.
O2: „Herzlich willkommen in der O2 Neukundenannahme. Mein Name ist [eine Ansammlung von Konsonanten]. Wie kann ich Ihnen helfen?“
NEUKUNDENANNAHME?
Ich: „Ich möchte gerne meinen Vertrag bei Ihnen kündigen.“
O2: „Sie haben Glück. Da kann ich Ihnen heute ein besonders günstiges Angebot machen. Ultra-High-Speed-Surfer mit Extra-Speed VDSL 100.000 O2 All-In XL ein Jahr zum Preis von Normal-Surfer DSL 10.000 danach 39,95 Euro.“
Danach was?
Ich: „Alles klar!“
O2: „Darf ich das so notieren?“
Ich: „Nein.“
Stille.
O2: „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Ich: „Ja. Ich würde gerne meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Wollen Sie eine schnellere Leitung?“
Ich: „Ich würde gerne meinen Vertrag kündigen.“
Es kommt mir schon vor wie ein Mantra.
O2: „Warum? Sind Sie unzufrieden mit Ihrer Datengeschwindigkeit?“
Ich: „Nein. Ich möchte meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Sie können auch noch eine Telefon Super-Flat XL für die ersten 12 Monate kostenlos dazubuchen.“
Ich: „Nein danke. Ich möchte meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Sind sie mit uns unzufrieden?“
Endlich, da war es.
Ich: „Langsam ja.“
O2: „Was ist der Grund für Ihre Unzufridenheit?“
Mit Blick auf 1 Stunde 49 Minuten auf meiner Telefonuhr kommt mir das tatsächlich vor, wie ein schlechter Witz.
Ich: „Ich möchte zu M-Net wechseln.“
O2: „Warum? Wollen Sie eine schnellere Leitung?“
Oh nein. Falsches Stichwort.
Ich: „Weil da ein persönlicher Kundenbetreuer vorbeikommt und mir zuhört.“
O2: „Alles klar. Ich vermerke ihre Kündigung und wünsche Ihnen einen schönen Tag.“

Liebes Call-Center von O2 und liebes Management: so wird das nichts.

Im Keim ein Kapitalist?

Der BUND hat in einer Studie herausgefunden, das über 88 Prozent des “industriell gefertigten” Billig-Putenfleisches mit resistenten Keimen belastet sind. Finde den Fehler? Aus meiner Sicht gibt es da gleich mehrere. Denn weniger „billig“ noch „industriell“ noch „gefertigt“ lässt sich in meinem Kopf schlüssig mit dem Thema „Tier“ verbinden.
Aber der Konsument ist wohl leider dumm. Oder ignorant. Oder beides. Denn wenn das Putensteak über einen Euro kostet, kauft er es nicht. Ob es schmeckt oder nicht und wie es dem Tier dabei geht? Egal.

Resistente Keime sind diese wunderbaren Keime, gegen die kein Medikament mehr wirkt. Die wir uns aber durch übermäßigen Antibiotika-Konsum selbst gezüchtet haben. In Krankenhäusern sind sie gefürchtet wie die Pest.
Im Falle der Massentierhaltung entstehen die Keime dadurch, dass viel zu viele Tiere auf viel zu engem Raum gehalten werden. Damit sie das ihr kurzes Leben lang aushalten, werden sie mit Antibiotika vollgepumpt. Eigentlich ist das seit Jahren verboten, möchte man meinen.
Aber Kapitalisten sind findig: Nachdem diese Art der Tierzusammenpferchung (von “Haltung” möchte ich hier lieber nicht sprechen) ohne Antibiotika gar nicht funktioniert, findet sicherlich jeder Produzent einen korrupten Veterinär, der die Antibiotika weiterhin verordnet. Dann steht eben auf dem Rezept, dass die Tierchen krank waren. Was auch nicht weiter verwunderlich ist. Auf Beton. Im Neonlicht. Mit 10 Tieren oder mehr auf einem Quadratmeter.

Es wundert mich nun also auch nicht mehr, warum ich kürzlich vor einer OP eidesstattlich versichern musste, dass ich beruflich nichts mit Tierhaltung zu tun habe. Es besteht also die Angst, diese Keime in ein Krankenhaus einzuschleppen. Das möchte man doch vom Patienten dann lieber schriftlich. Noch gruseliger finde ich dabei, dass die Tatsache dieser Keime in der Tierhaltung soweit bekannt ist, dass sogar Formulare für Krankenhäuser gedruckt wurden. Das wiederum wundert mich im Zusammenhang mit dem angeblichen Neuigkeitswert der BUND-Studie.

Der Wahnsinn geht noch weiter. Erst vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass „die Wissenschaft“ oder besser bekannt als die Pharma-Riesen ein neues Antibiotikum gegen multiresistente Keime gefunden hätten. Kommt nur mir dieser zeitliche Zusammenhang seltsam vor? Es gibt ein neues Medikament und kurz darauf wird den Verbrauchern Angst gemacht, dass sie von Fleisch krank werden?

Ein Schelm, der dabei böses denkt.

E-Mail an mich #3

Heute einmal wieder ein besonderes Schmankerl aus der Kategorie: E-Mail an mich.

Mir völlig unbekannter Nutzer Z schreibt folgende Nachricht:

Tolles Foto. Respekt.

Und ca. 7 Minuten später:

„Krieg ich jetzt keine Antwort weil du automatisch nicht interessiert bist weil du mich nicht kennst? Ich hab einfach dein Profil besucht. Das war’s, und ich hab Interesse an Oldtimern u. Schönem, ganz allgemein. Daher mein Kommentar. Ich will jetzt nur nicht ein Niemand sein und keine Antwort erhalten. Ok?“

Eva Marie antwortet:

„Sehr geehrter Nutzer Z,
Ihrem Wunsch nach einer Antwort komme ich gerne nach.
Zunächst meinen Dank für die Blumen. Auch wenn dies ein wenig neuzeitlich ausgedrückt scheint, lese ich die Kombination aus „toll“ und „Respekt.“ als Ausdruck der Freude.

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie zum heutigen Zeitpunkt tatsächlich ein „Niemand“ für mich sind, da wir uns noch nicht vorgestellt wurden und Sie es offensichtlich nicht für nötig erachteten, Ihre Nachricht mit einem Absender zu versehen. Aus den gleichen Gründen kann ich keine Aussage darüber treffen, ob ich in irgendeiner Form interessiert bin.
Von automatisch kann hier allerdings weniger die Rede sein, denn alleine die Tatsache, dass mir jemand persönlich nicht bekannt ist, führt nicht zu einer wenn-dann-logischen Sprachlosigkeit oder gar Ignoranz meinerseits.
Sehr viel mehr sprachlos und desinteressiert machen mich allerdings die mangelnden Umgangsformen, die Ihre Nachricht erkennen lässt.Ihre Vorliebe für Schönes und Antikes überrascht an dieser Stelle im Kontrast zu Ihrer Wortwahl umso mehr. Vielleicht sollten Sie dieses Talent des Facettenreichtums tatsächlich weiter kultivieren. Nur wenigen gelingt ein solcher Spagat zwischen unterschiedlichen Stilrichtungen.

Aus der Perspektive einer Frau möchte ich Ihnen gerne einige Tipps mit auf den Weg geben:

  • „Respekt!“ mag jungend-umgangssprachlich ein Kompliment sein, dennoch empfinden viele Synonyme wie „schön“ oder „attraktiv“ als charmanter und aussagekräftiger.
  • Ein einziger Profilbesuch führt nicht automatisch dazu, sich zahlreiche Stufen des Aufbaus einer Kommunikation zu ersparen. Die Damen bekommen Ihren Besuch in der Regel nicht mit, da er virtueller Natur ist.
  • „Ich will kein Niemand sein“ lässt sich tatsächlich besser in einem „ich würde mich gerne mit Dir / Ihnen unterhalten“ oder ähnlichem ausdrücken.
  • Ein „Ok?“ am Ende einer Nachricht ist besser mit einer Grußformel zu ersetzen. Dies führt tatsächlich zu einer wohlwollend-freundlichen Anmutung und weniger zu einem Kommandoton.
  • Generell ist es ratsam, in einer ersten Kontaktaufnahme auf Kommandos zu verzichten, da Sie nicht automatisch davon ausgehen können und vor allem sollten, dass Ihr gegenüber gedient hat oder dem Militärwesen zugeneigt ist.

Ich wünsche weiterhin viel Erfolg!

Mit respektablen Grüßen
EM“

Kleine Scheibchen Leben

Es ist die Zeit der Rückblicke. Alle Welt blickt zurück. Auf ein Jahr. 12 Monate. 365 Tage Leben.
Ein Großteil der Rückblicke ziehen ein ernüchterndes Fazit. Freude macht sich breit, dass es rum ist mit 2014. Gepaart mit der Hoffnung, dass es in 2015 besser, anders und schöner wird.
Kein neues Phänomen. Schon vor 12, 24 und 48 Monaten bot sich das gleiche Bild.
Ich frage mich tatsächlich: was genau soll sich morgen ändern? Und warum ist genau heute ein Tag, an dem Altes abgeschlossen und Neues begonnen werden soll?

Wollen wir unser Leben tatsächlich von einem mathematischen Konstrukt abhängig machen? Einer 8-stelligen Konstruktion mit zwei Punkten dazwischen, deren 8. Stelle für die nächsten 365 kleinen Lebensscheibchen sich nun ändert?
Bilden wir uns tatsächlich ein, dass diese kleine Veränderung eines Gradmessers für unsere Lebenseinheiten auch nur irgendetwas ändert, nur weil wir darauf warten und eine Uhr anstarren?

Es wäre doch viel schöner, wenn wir unser Leben gleich in die Hand nehmen. Immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass etwas nicht passt. Wer oder was zwingt uns, auf die erneute Veränderung der 8. Stelle zu warten?

Zeit der Stille

Zeit der Stille – so heisst es. Wenn das Stille ist, dann will ich Laut nicht erleben.
Kaum öffnen sich die Türchen des Adventskalenders, verschließen sich die Menschen. Werden unfreundlicher. Rücksichtsloser. Aufgebrachter.
Hektik in den Straßen, niemand kann mehr Auto fahren, alle hetzen von Geschäft zu Geschäft, um schnell noch irgendetwas zu besorgen, irgendetwas zu erledigen.

Überall in der Stadt Weihnachtsmärkte mit Boxen aus denen „Stille Nacht“ scheppert. Fast schon schöne Ironie. Natürlich überfüllt mit Menschen. Menschen, die aus Tassen, die man sonst nur mit Hygienehandschuhen anfassen würde, völlig überteuerten und überzuckerten, lauwarmen Glühwein trinken. Für die gute Stimmung und das richtige Gefühl.

Wo wir schon beim Thema Gefühl sind. Das Fest der Liebe. Durchaus. Niemals herrscht in Haushalten mehr Gefühl, als an Weihnachten. Die ganze Palette gibt es da komprimiert zu erleben.
Aus gesicherter Quelle wurde mir zugetragen, dass die Rate der Stichverletzungen durch Messer, die in die Notaufnahme kommen, niemals höher ist als an den Weihnachtsfeiertagen. Schnittverletzungen. Die wären zu erklären. So drastisch muss es nicht gleich enden, aber es ist kaum verwunderlich, dass sich diese ganze Anspannung, Hektik und Raserei irgendwann entladen muss. Wenn dann 3 bis 10 Familienmitglieder, die sich in der Regel nie alle auf einmal sehen, feststellen, dass es auf dem Höhepunkt des Weihnachts-Count-Downs nichts mehr gibt das vorgeschoben werden kann, nicht mit dem Rest der Familie zu reden.
Schließlich ist es jetzt still. Endlich. Am 24.12. um 16 Uhr am Kaffeetisch. Ruhe. Bis der erste den Mund aufmacht. Auf diesen Moment haben alle gewartet.  Ganz egal, welchen Funken dieser eine, unvorsichtige Mensch in das Familienpulverfass wirft, es geht los.

Sohn:“ was gibt’s denn heut‘ zum Essen?“
Mutter: „Werst dann scho segn. Isst ja eh wieder koana wos vor lauter Platzerl. Den ganz’n Tag steh‘ i scho‘ in da Küch‘.“
Vater: „I hob da ja glei g’sagt, Würschtl reichen….“
Mutter: „hauptsach Wurscht…. an Weihnachten. Soweit kimmt’s no.“

Besinnliche Stille.

Tocher: „Ich geh‘ ins Bad….“
Vater: „A nix – schee gnuag bist. Hilfst besser da Mama!“
Mutter: „Na de brauch‘ i in da Küch ned a no …“

Weniger besinnliche Stille.

Vater: „Ich fahr dann los und hol‘ die Omma ab.“
Mutter: „Des konnst scho macha, aber dann feier‘ i des Jahr in der Garage, des sog i da.“
Sohn: „Ich fahr‘ mit….“

Nur noch Stille. Vielleicht endlich.

Supermarktdialoge

Supermarktkasse. Eine ältere Dame steht mit ihren potenziellen Gütern auf dem Fließband in der Warteschlange. Vor ihrem Kundentrenner – ein herrliches Wort für diese fiesen, abgegriffenen, Plastikdreiecke, um sein jeweiliges Warenrevier abzuzäunen – eine weitere Anhäufung von Gütern, jedoch ohne ihren zukünftigen Besitzer.

Dieser kommt jedoch schon quer durch den Supermarkt angehechtet, quetscht sich unsanft an der Schlage und der älteren Dame vorbei und wirft mit einer ausladend-liebevollen Bewegung zwei Schoko-Adventskalender auf seinen Güterberg.

Der Kunde ist dunkelhaarig, unrasiert und nicht sonderlich adrett gekleidet. Wahrscheinlich reichte auch die Zeit für eine Dusche heute nicht. Was schon einmal passieren kann, wenn man am 2. Dezember aufwacht und keinen Adventskalender hat.

Das Aussehen des künftigen Adventskalender-Besitzer verleitete die ältere Dame offensichtlich jedoch zu folgendem Statement: „Koa Gick und koa Gack, aber umanand hauen! Ollesamt kehrn’s z’ruck, wo´s herkimma!“ – womit sie wohl ausdrücken wollte, dass es dem Herrn an Höflickeit mangele und er doch bitte in seine Heimat zurückkehren möge. Die Antwort: „I mog ned zruck noch Schwabing… überall san Baustellen!“