Ohne die richtigen Turnschuh bist du raus.

Letztens las ich folgenden Satz: „Es wird niemand an deinem Grab stehen und sagen, was hatte sie nur für tolle Schuhe und was für eine teure Couch.

Zugegeben populistisch verpackt, dennoch wahnsinnig wahr.

Es gibt Mädchen, keine 16 Jahre alt, die sich von ihrem Ausbildungsgehalt eine Louis Vuitton Täschchen absparen. Jeden Monat 25 Euro, bis sie dann in den Laden gehen und sich so ein Ding kaufen. Eine schlecht verarbeitete Plastik-beschichtete Canvas-Tasche im Omma-Design für um die 1.000 Euro. Jaha. Und das nur weil irgendeine Marke draufgestempelt ist, die anderen Nicht-LV-Trägern signalisiert: Hey, ich bin was Besseres, denn ich kann mir so ein Ding leisten.

Nur ein Beispiel. Das LV-Täschchen kann beliebig ersetzt werden durch Rolex (okay, das ist noch eine Wertanlage, weil man sie an andere Spinner zum gleichen oder sogar höheren Preis weiterverkaufen kann), Tiffany & Co. (hey, unter so einem Klunker sag ich nicht ja) oder auch windige, in Kambodscha zusammengetackerte Klamotten, deren Geruch nach blutig-geschufteten Kinderhänden mit der Chemie-Keule übertüncht wird.
Wird ein wichtiges Label eingenäht (die Wichtigkeit bestimmt das Fernsehen nach Frequenz der Werbeschaltungen), vergisst man auch schnell den lumpigen Schnitt, die schlechte Verarbeitung und die ethische Verwerflichkeit. Schließlich wird auch hier signalisiert: „Ich kann mir eine Bluse für 800 Euro leisten, die nach 4 Monaten auseinander fällt. Und hey, es ist mir egal, wer damit Geld macht und auf wessen Kosten. Für mich zählt nur: Ich kann’s mir leisten und du sollst das gefälligst sehen.“

Aber brauchen wir das alles, um im Game of Pimpfs mitzuspielen? Gibt es nicht Dinge und vor allem Eigenschaften, die viel mehr zählen und vor allem: Die uns im Leben weiterbringen?

Heute ist es wichtig, welche Turnschuhe ein Kind auf dem Pausenhof trägt. Es ist s***egal, ob es vielleicht extrem schlau ist, ein großes Talent im Zeichnen, Rechnen oder Schreiben besitzt. Wenn du die falschen Turnschuhe trägst, bist du raus. Und wenn du vier gerade Sätze am Stück sprechen kannst, bist du der Nerd und wirst verprügelt. So sieht’s aus. Es sei denn, du hast die richtigen Turnschuhe….

Ich halte es da ganz gerne mit Idiocracy (wer sich informieren möchte – ein sehr sehenswerter Film: http://www.imdb.com/title/tt0387808/):
„Bitte sag ihnen, sie sollen Bücher lesen.“
Vielleicht sollte ich hinzufügen: Es reicht völlig, zwei Paar Schuhe zu besitzen. Wenn man dann noch ein paar Moped-Stiefel im Flur stehen hat, ist es schon Luxus.

 

Advertisements

#mundaufmachen

Seit Tagen bleibt mir die Luft weg.
So viel Dummheit, so viel Arroganz, so viel Engstirnigkeit.

In diesem Land haben die Menschen mehr Angst vor Ausländern also vor einem Krieg oder vor Terrorismus. Sag eine aktuelle Statistik.
In diesen Land sind viele aus mir unerklärlichen Gründen emotional nicht in der Lage, ihren Wohlstand mit einigen verzweifelten Menschen, die nichts mehr haben, außer dem Hemd das sie am Leibe tragen, zu teilen. Und wir reden nicht einmal von Teilen. Noch lange nicht. Wir reden über einen kleinen Funken Empathie und Menschlichkeit.

Regt Ihr Euch ernsthaft auf, dass DIE Smartphones haben, obwohl Ihr 21,6 kg Elektroschrott pro Kopf und Jahr produziert?

Regt Ihr Euch ernsthaft auf, dass DIE ein bisschen Taschengeld für das Allernötigste bekommen, während Ihr 2,3 Mio. mal 50 Cent rausballert um zu voten, wer bei DSDS gewinnt?

Regt Ihr Euch ernsthaft auf, dass DIE Kleidung bekommen, während Ihr in unserer Überflussgesellschaft 100.000 Tonnen intakte Kleidung im Jahr wegwerft?

Regt Ihr Euch ernsthaft auf, dass DIE einen Sprachkurs bezahlt bekommen, um sich hier zurecht zu finden, während 50.000 von Euch die Schule abbrechen, und ein Viertel von Euch die Ausbildung hinschmeißt, die Ihr kostenlos bekommt?

Regt Ihr Euch ernsthaft auf, dass DIE ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel bekommen, während Ihr spanische Straßenkatzen oder rumänische Straßenhunde per Flugzeug nach Deutschland „rettet“?

Fragt Euch bitte, wer DIE (die Ihr so bezeichnet) sind. Und fragt euch wer IHR seid. Und dann überlegt noch einmal ganz scharf, wer theoretisch in der Position wäre, den Mund aufzumachen.

Ein Broccoli-Kreislauf

„Monsanto bekommt ein Patent auf Broccoli.“ So ein kleiner Satz am Rande in der Fülle an irren Meldungen in den Nachrichten, die mir immer mehr wie die Heute-Show vorkommen.
Ein Patent auf bitte was? Broccoli. Das sind diese Pflanzen, die in der Erde wachsen. Die von einer Institution namens „Natur“ hervorgebracht (neudeutsch: erfunden) wurden. Wahrscheinlich wissen die großen Bosse bei Monsanto aber gar nicht, wer dieser „Natur“ eigentlich ist. Schließlich hat der noch nie einen Prozess gegen sie geführt oder gar gewonnen. Insofern kann der nicht soooo wichtig sein, dass man ihn „auf der Agenda“ haben muss.

Ja das geht seit neuestem: Große Konzerne lassen sich Lebensmittel patentieren. Pflanzen. Und das Patentamt findet das absolut wunderprächtig, weil es nun an jedem Broccoli, der über den Ladentisch wandert – sei es ein Pflänzchen oder ein Nahrungsmittel – kräftig mitschneidet. So können sich die Herren Patentanwälte einen neuen Luxusschlitten bei einem dicken Automobilkonzern (der in Deutschland keine Steuern zahlt) bestellen, der anschließend wieder mit Rapsöl aus Monsanto-Pflanzen fährt. Diese Pflanzen werden natürlich irgendwo in der Dritten Welt angebaut, wo die Böden auf Jahre hin ausgelaugt werden und die Einwohner für 30 Cent am Tag 16 Stunden lang ohne Atemschutz auf den Feldern arbeiten „dürfen“. Ein schöner geschlossener Kreislauf.

Täglich wird daran gearbeitet, dieses System weiter wasserdicht zu machen. Für uns sieht das zukünftig wohl so aus: Pflänzchen zum Selberanbauen werden unterbunden, denn sonst verdient die Lebensmittelindustrie nichts mehr. Schwarzanbau wird zur Straftat. Da lassen sich ja fix mal die Gesetze anpassen.
Daher kaufen wir den Broccoli künftig von Monsanto – ob wir wollen oder nicht. Wir brauchen schließlich etwas zu essen. Das große System entscheidet künftig auch, was das kosten darf und ob das ganze genverändert oder mit hauseigenen Pestiziden aufgepeppt wird. Natürlich kann man da auch wunderbar Feldversuche für neue Pflanzenschutzgifte durchführen. Denn wir haben ja keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Außer der, dass wir bargeldlos mit Chip im Handgelenk quittieren, unsere wöchentliche Brokkoli-Ration bereits abgeholt zu haben.

Vielleicht wäre es schlau, jetzt zum Patentamt zu gehen, und sich ein Patent auf Blumenkohl zu holen. Aber was passiert: Wir winken TTIP durch, weil dadurch mehr Arbeitsplätze entstehen. Bei Monsanto.

Irgendwann brennt’s.

„Das erschreckende Bild von Gewaltbereitschaft sei durch nichts zu rechtfertigen“, sagt der Herr Gabriel. Zu einem brennenden Frankfurt, in dem gerade ein 1,2 Mrd. teurer Protzbau der EZB eingeweiht wird. 28 Millionen Baukosten pro Etage? Kann man machen, wenn man sich das Geld selbst druckt.

Aber es ist doch ein sehr seltsames Zeichen, in einer Zeit, in der viele Europäer keine Arbeit haben und nicht krankenversichert sind. In der viele in der (oft von Banken gestrickten) Schuldenfalle sitzen und sich nicht mehr aufrappeln können. In einer Zeit in der wir nichts für unsere wenigen Ersparnisse bekommen, denn die niedrigen Zinsen sollen die Wirtschaft ankurbeln. Eine Wirtschaft, in der sich  „Normalbürger“ (wie die Politik das arbeitende Volk so schön nennt) abrackern und unter der Steuerlast fast zusammenbrechen. Denn für die „Normalen“ gibt es keine Schlupflöcher. Also können wir gerade so die Nase über Wasser halten.

Auf der anderen Seite hat das Finanzsystem unserer Staatengemeinschaft 1,2 Mrd. für einen Hauptsitz locker. Da sollte wohl Vollbeschäftigung im Lande herrschen und das Volk im Reichtum schwelgen, möchte man meinen. Nachdem das nicht der Fall ist, mutet es schon fast wie ein Stammesfüstentum an. Da beuten auch einige wenige Ultra-Reiche das ganze Volk aus.

Wenn wir „Normalbürger“ dann auch noch ständig mit Dingen konfrontiert werden, die einfach über unseren Kopf hinweg entschieden werden, die wir nicht wollen, die uns Angst machen oder unsere Existenz bedrohen könnte es sein, dass vielleicht hie und da ein wenig Unmut entsteht.

Dann hört keiner zu. Gehen Demonstranten friedlich auf die Straße und zünden ein paar Kerzen an, berichtet vielleicht der Kreisbote im Lokalteil und bringt ein romantisches Foto – hat aber wieder vergessen, worum es den Demonstranten eigentlich ging. Das Problem ist hausgemacht, denn erst wenn es laut und hell wird, rappelt sich die Presse auf, einmal hinzusehen. Dann fühlen sich auch die Damen und Herren Politiker verpflichtet, etwas dazu zu sagen. Und dann kann es sein, dass sich vielleicht irgendwo etwas (ganz kleines, ganz langsam) ändert.

Insofern – Herr Gabriel – könnte es sein, dass diese von Ihnen zitierte „Gewaltbereitschaft“ etwas aus der politischen Ignoranz und der Kombination aus Unmut, Verzweiflung und dem Wunsch nach Gehör in Ihrem Volk zu tun hat.

Wahnsinn, Blödsinn und Irrsinn mit System

Mir hat es die Sprache verschlagen. Seit Tagen habe ich alle 5 Minuten den „Ich muss das sofort bloggen“-Reflex. Aber es ist so viel Wahnsinn, Dummheit und Blödsinn unterwegs, dass ich, sobald ich einen leeren Post aufmache, völlig reizüberflutet werde. Von meinem eigenen Gehirn. Und dann stellt sich die Frage: Worüber rege ich mich eigentlich zuerst auf?

Das Urteil im Fall Edathy? Die Verurteilung durch dumme Menschen? Die Europäische Armee? Den H&M-Chef zu Kinderarbeit? TTIP (alter Hut?)?, Multiresistente Keime? Grippewelle? Touristen, die in Griechenland die Steuermoral überprüfen sollen? Menschen, die keine zwei Wörter richtig aneinanderreihen können? Bildungsfernsehen der Privaten? Propaganda-Filme im Kino? Autofahrer?!??

So langsam scheint mir, dass das System hat. Wir werden mit Wahnsinn so lange zugeschüttet, bis sich niemand mehr muckst. Und wenn dann genug Irrsinn und Blödsinn über uns ausgekippt wurde, dürfen wir zur Erholung im Fernsehen den „Super Bowl“ sehen. Wir haben zwar keine Ahnung von Football, aber die Medien müssen uns das jetzt beibringen. Denn wir sollen das tun, was und friedlich hält: Ohne jedes Hirn in die Glotze starren.

Von Skiunterwäsche und Waldmeister-Krapfen

Fasching. Noch so ein Ding.
Früher nannte man das Brot und Spiele. Heute wohl „1, 2, 3, Gute Laune“. Mir persönlich erschließt sich nicht so ganz, warum.
Warum muss ich mich in grässliche Klamotten wickeln, mir das Gesicht bunt anmalen und mir eine doofe Perücke aufziehen, um gute Laune zu haben?
Ganz im Gegenteil: Wenn ich das alles mache und DANN immer noch gute Laune habe, handelt es sich tatsächlich um einen gigantisch guten Tag. Vielleicht einen dieser Ausnahme-Tage, an denen ich sogar Clowns leiden mag.

Zu Fasching geht es zu wie zu einer explosiven Mischung aus Oktoberfest und Ballermann mit einer Prise Junggesellenabschied (zur Gleichberechtigung: Junggesellinnenabschied). Nur ist in der Regel die Witterung etwas ungemütlicher. Heisst: Unter die grässlichen Klamotten noch eine Schicht Skiunterwäsche – ich vergaß, die ist vom Après-Ski in Moritz noch übrig, dient da allerdings einem artverwandten Zweck. Wer die Unterwäsche vom letzten Skiausflug noch nicht gewaschen hat, kann alternativ eines dieser Plüsch-Kostüme anziehen. Für das Tragen dieser Kostüme gibt es von großen Fast-Food-Ketten an normalen Tagen den Mindestlohn, damit man sich mit Flyern wedelnd von Kinder umschubsen und von Erwachsenen belächeln lässt. Keiner will diesen Job. Aber zu Fasching! Zu Fasching tun die Menschen das freiwillig, ganz ohne Lohn. Und sind dazu auch noch fürchterlich krampfhaft witzig.

Um die Witzigkeit weiter zu steigern und den Getränkekonsum anzuheizen, gibt es schunkel-taugliche Musik. Gepaart mit platten Witzen aus dem Karnevals-Handbuch, die unter 2 Promille Zahnschmerzen verursachen. Von Bühnen oder gerne auch von Partywagen. In der Regel machen wir um Volksmusik-Veranstaltungen einen großen Bogen. Und wo die 10 Millionen PUR und Helene Fischer Fans sind, weiß man nur vom Hörensagen. An Fasching sind die alle auf der Straße. ALLE. Natürlich verkleidet und damit unerkannt. Und so wird ein Schuh draus.

Zu trinken gibt es sündhaft teures, dafür gleichermaßen schales Bier mit Plastik-Geschmack aus eben diesen Bechern, die beim Zahnarzt am Rande des Spuckbeckens stehen.

Um für das schale Bier eine fettige und gehaltvolle Grundlage zu schaffen, sind da diese undefinierbaren Gebäck-Verbrechen, die sich Faschings-Krapfen nennen. Ja, mehr Fasching geht tatsächlich nicht. Auf Krapfen gehört Puderzucker. Innen rein Aprikosen-Marmelade. Punkt.
Eilerlikör-Creme, Liebesperlen, Waldmeister-Glasur und lustige Smarties-Gesichter gehören maximal auf Kindergeburtstagskuchen. Aber: Fasching ist ja auch so etwas wie Kindergeburtstag. Für Erwachsene. Die sich noch einmal jung fühlen wollen.

Fasching ist für mich ein Phänomen der Flucht. Menschen wollen für einen Tag Spaß haben. Jemand anderes sein. Etwas anderes tun. Aus ihrem frustrierenden, eintönigen Leben fliehen. Auf den Putz hauen.
Aber ist es nicht traurig, wenn das nur in Verkleidung, sozusagen inkognito gelingt. Für nur einen von 365 Tagen?

Wenn es darum geht, gut gelaunt zu sein und Spaß zu haben: Hab ich. Jeden Tag. Nur nicht an Fasching. Denn da werde ich gesellschaftlich dazu angehalten, jemand anderes zu sein.

Auf Karriere-Diät

Alix Faßmann schreibt im SPIEGEL über ein sehr interessantes Thema: Karriereverweigerung. Dem kann ich in dieser Form nur zustimmen.

Wie genau das mit der Karriere geht: Ich habe das im BWLer oder Heuschreckenumfeld am eigenen Leib gelernt und erfahren. Warum ich BWL studiert habe? Ich wusste es nicht besser. Wie soll man in unserem Bildungssystem, wenn man mit 17 aus der heilen Schulwelt gespuckt wird, wissen, was diese Pläne im dicken grünen Studienverzeichnis mit der Realität zu tun haben?
Wenn ich nur vorher gewusst hätte, was hinterher auf mich zukommt …
Heute glaube ich allerdings, es ist gar nicht so verkehrt, die „Wissenschaften der wirtschaftlichen Mächte“ zu kennen und letztendlich zu wissen, wie dieser Hokus-Pokus funktioniert.

Aber zurück zum Konstrukt Karriere: Wir verkleiden uns mit teuren Anzügen (vorzugsweise Dolce oder maßgeschneidert für die Herren oder Strenesse für die Dame), hängen uns ein Prada-Täschchen um, stecken uns eine Gucci-Sonnenbrille ins Haar (die niemals die Sonne sieht) und dann: Arbeiten wir wie die Stiere (um der Gleichstellung Tribut zu zollen: Wie die Kühe). 60 Stunden und mehr die Woche. Bei Vertrauensarbeitszeit. Mit der hübschen Formulierung „Mehrarbeit, sowie Sonn- und Feiertagsarbeit ist mit dem Gehalt abgegolten“ im Arbeitsvertrag. Für das große Ziel: Die Karriere.
Schon im BWL-Studium wird uns eingeimpft: Wer nicht Unternehmensberater wird, hat verloren. Berater sein heißt: Ebenfalls das teure Kostümchen tragen, dabei aber mindestens 4 Tage die Woche aus einem kleinen handgepäcktauglichen Trolley leben und in teuren Hotels einchecken, in denen wir sowieso nicht zum Schlafen kommen. Denn ganz unten auf der Karriereleiter malen wir Power-Point Folien. Ganze Berge davon. Ständig wieder neue. Damit die, die weiter oben auf der Leiter sitzen, diese dann präsentieren können.
Dazu trinken wir haufenweise Espresso, denn Milchkaffe ist etwas für Sekretärinnen. Die haben dafür Zeit. Falls wir doch einmal schlafen wollen und gegen 22 Uhr früher gehen, haben wir ein Ersatz-Sakko in der Schublade, das wir an der Stuhllehne hängen lassen. Das Zeichen für: „ich bin gleich wieder da.“ Selbstverständlich tragen wir sogar auf dem Weg zur Toilette immer Berge von Papier oder ein elektronisches Kommunikationsmedium mit uns herum, um beschäftigt zu wirken. Die Schrittgeschwindigkeit darf dabei nie unter 6 km/h liegen.

Aber auch in der „freien Wirtschaft“ (auch so ein schöner BWL-Begriff) gibt es „attraktive Jobs“. Heißt: Wieder das Kostümchen anziehen und mindestens 60 Stunden die Woche rackern. Der Tisch wird immer voller. Und eigentlich haben wir gar keine Zeit, etwas sinnvolles zu arbeiten, denn wir sollen ja Karriere machen. Einfach nur arbeiten? Das ist zu wenig. Von den frischen, bissigen Einsteigern wird Dynamik und Engagement erwartet.
Heißt: Politik. Sich positionieren. Beim Vorstand. Besser als die Kollegen, damit wir auch berücksichtigt werden, wenn neue Visitenkarten gedruckt werden.
Der Lohn: schicke Titel auf kleinen Papierkärtchen, damit man aus dem Visitenkarten-Quartett auf gähnend-langweiligen Abendveranstaltungen als Sieger hervorgeht. Ein Parkplatz weiter vorne in der Tiefgarage. Ein Eckbüro mit 2 (!) Fenstern. Vielleicht sogar ein Firmenwagen.
Für mich gleich zwei Probleme in einem: Ich arbeite für ein Unternehmen, dem ich egal bin und bekomme dafür Dinge, die mir egal sind.

Das ganze Geld, dass es für den Job gibt, können wir sowieso nicht für uns ausgeben. Wenn wir zu Hause sind, müssen wir dringend schlafen und die Läden haben zu. Urlaub? Wann denn?  – Mit Freunden ausgehen? Mit wem denn? Die letzten realen Freunde haben sich vor 2 Jahren verabschiedet, weil sie Phantom-Freunde, die immer arbeiten, leid sind.
Der Verdienst geht für sinnlose Dinge drauf: Sündhaft teure Lebensmittel, weil der Laden am Flughafen oft der einzige ist, den wir bei Ladenöffnungszeiten erwischen. Reinigung, weil wir keine Zeit haben, Wäsche zu waschen und Hemden zu bügeln. Für Kosmetikanwendungen, um die Augenringe aus dem Gesicht zu bekommen. Schließlich verlangt der Dresscode nicht nur das teure Kostüm, sondern auch ein „gepflegtes Äußeres“.

Irgendwann stellte ich mir die Frage: Warum eigentlich? Kein Mensch wird mir für diesen Irrsinn ein Denkmal setzen. Und selbst wenn: Was hilft mir ein Bronze-Abdruck meiner selbst, der irgendwo in der Landschaft steht?

Seither hab ich meine BWLer-Karriere gegen eine Lebens-Karriere eingetauscht und meine Armbanduhr abgenommen. Ich mache nun Dinge, die mir persönlich am Herzen liegen und sinnvoll erscheinen. Für Leser und  Kunden, die meine Arbeit zu schätzen wissen. Und ich habe es noch keine Sekunde bereut.