Fassaden-Sex und gewünschtes Verhalten

Manchmal tut es eben weh. Die editionF brachte heute einen interessanten Artikel zum Thema „schlechter Sex„. Hierbei wird differenziert, dass Männer schlechten Sex schon dann haben, wenn es nicht „perfekt lief“, Frauen hingegen Sex oft schon gut finden, wenn es nicht weht tut. Eine schockierende Aussage. Warum gehen hier unsere Wahrnehmungen und Ansprüche so weit auseinander? Autorin Silvia Follmann bringt es auf den Punkt:

„Frauen werden auch im Alltag dazu erzogen, selbst dann zu suggerieren, sie würden sich wohlfühlen, wenn sie sich nicht wohlfühlen.“

Das fängt beim Tragen von unbequemen Schuhen, die unsere Füße malträtieren an und hört irgendwo bei schmerzhaftem Sex, den wir ertragen und einfach wegatmen, auf. Dazwischen gibt es eine ganze Palette von Erniedrigungen, die wir Frauen körperlich und psychisch über uns ergehen lassen, um einem bestimmten Bild zu entsprechen.

Oft ist es die Angst

Wir haben früh gelernt, uns auf eine Art Tauschhandel einzulassen. Wir tauschen ein Stück Wohlbefinden gegen Bewunderung, Anerkennung, Liebe oder Zuneigung. Manchmal geht die Rechnung sogar auf, weil wir uns mit der gewonnenen Zuneigung wieder wohler oder zumindest „richtig“ fühlen. Meist haben wir aber doch das Nachsehen.

Wahrscheinlich ist der Grund allen Übels die Angst. Angst, nicht gut genug, nicht liebenswert genug, nicht schön genug zu sein. Die Angst, etwas falsch zu machen. Die Angst, belächelt zu werden. Die Angst, jemanden sonst vielleicht zu verlieren. Und, schlimmer noch, die Angst vor dem Alleinsein.

Menschen sind soziale Wesen – wir wollen dazugehören

Vieles fängt schon in der Jugend an. Um zu einer Gruppe zu gehören, machen wir allerhand Blödsinn. Mutproben, um cool zu sein. Alkohol trinken, auch wenn er uns gar nicht schmeckt, nur um dabei zu sein. Rauchen, Kiffen oder schlimmeres, nur um nicht der Looser zu sein.

Sozialer Druck und der Wunsch nach Anerkennung lässt uns oft Dinge tun, die wir für uns alleine auf einer einsamen Insel nicht tun würden.

Die Erfahrung aus diesem Verhalten, bestätigt uns. Denn wenn wir mitmachen, gehören wir dazu. Wir sind cool, bekommen Anerkennung. Wir lernen: Tun wir Dinge, die wir vielleicht nicht mögen, andere aber von uns erwarten, werden wir mehr gemocht.

Das ist zunächst einfacher, weil uns das gewünschte Verhalten vorgelebt oder vorgegeben wird. Wenn wir tun, was wir selbst für richtig halten und womit wir uns vielleicht wohl fühlen würden, besteht die Gefahr, damit auch einmal anzuecken. Und Anecken und Aufmucken ist nicht unbedingt das, was an attraktiven Frauen und potenziellen Partnerinnen üblicherweise gemocht wird. Also ergeben wir uns oft in dieses Muster.

Wir wollen einem Bild entsprechen

Mit all diesen Lektionen im Gepäck machen wir uns auf die Suche nach einem Partner. Natürlich wollen wir für den Auserwählten das bestmögliche Bild abgeben. Also tun wir wieder das, was das allgemein gewünschte Frauenbild verlangt. Rechnen wir uns damit doch die besten Chancen aus.

Wir Quetschen und in HighHeels und viel zu enge Kleider, malen uns die Nägel an. Viele gehen noch weiter. Sie lassen sich die Brüste operieren, gehen dreimal die Woche zu einem Sport, der ihnen überhaupt keinen Spaß macht, aber angeblich einen sexy Body formt oder unterziehen sich quälenden Diäten. Genau aus diesem Motiv heraus findet dann oft der schlechte Sex statt. Wir wollen so sein, wie wir glauben, dass er es von uns erwartet, anstatt auf unsere eigenen Bedürfnisse zu hören.

Unter all den Dingen, die wir tun, aber gar nicht wollen, haben wir uns irgendwann selbst verloren. Wir wissen gar nicht mehr, wer wir eigentlich sind und was wir wollen, unter all der Fassade.

Das rote Kleid ist die bessere Wahl

Wir sollten dringend wieder anfangen auf uns selbst zu hören. Wenn der angeblich Auserwählte uns nur im erwünschten blauen Kleid aber nicht im roten, das uns selbst gefällt, will, will er uns vielleicht einfach nicht. Und wir ihn auch nicht. Daran ändert auch kein schlechter Sex, den wir ihm zuliebe ertragen, etwas. Wenn wir erst einmal lernen, im roten Kleid selbstbewusst zu strahlen, werden wir genug Kandidaten finden, die auch unser echtes Ich attraktiv finden. Und dann haben wir auch die Chance auf guten Sex. Mit ihm und uns selbst.

Denn ganz ehrlich: Lieber erst einmal gar keinen, als Fassaden-Sex.

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Nachhaltigkeit on – 8 Merksätze für den Start

Nachhaltig leben ist so schwierig. Ein Satz, den ich immer wieder höre. Ja, wahrscheinlich stimmt das, wenn wir versuchen vom Umweltberserker auf absoluter Vorbildmensch umzuschalten. Das führt zu Frust, Überforderung und nicht oft zur Resignation, bevor wir überhaupt angefangen haben, etwas zum Positiven zu verändern. Hier gibt es acht einfache Tipps, wie ein Start gar nicht weh tut.

1 Daheim kauft sich’s am schönsten.

Kleiner Reminder für den Supermarkt. Es müssen nicht immer Flugananas, die Tomaten aus Spanien, Spargel im Dezember oder Erdbeeren im März sein. Radieschen, Kopfsalat, Blaubeeren – je nach Saison wird um die Ecke auch ganz wunderbares geerntet. Regional zu kaufen spart CO2 und schont die Umwelt. Denn die Transportwege sind deutlich kürzer. Und ganz nebenbei unterstützen wir auch noch unsere Nachbarn.

Wann welches Obst und Gemüse in unseren Breiten erntereif ist, lässt sich einfach in einem Saisonkalender nachsehen.

Übrigens: Ein regionaler Speiseplan sorgt automatisch für mehr Abwechslung auf dem Teller.

2 Nackt ins Körbchen.

Oft kommt man vom Einkauf nach Hause und wirf 30% des Einkaufs gleich wieder weg. Verpackung, Tüten, Plastik ohne Ende. Das muss nicht sein. Nimm wiederverwertbare Taschen und Obst- und Gemüsetüten aus Tüll mit. Manches Obst und Gemüse muss gar nicht eingepackt werden, da es sowieso vor dem Verzehr gewaschen wird. Wenn du die Verpackung gar nicht vermeiden kannst (gerade in der Stadt ist das oft wirklich schwierig) achte auf möglichst wenig Verpackung aus Papier, Karton oder Glas.

3 Turn me off.

Aus, wirklich, wirklich aus.
Das gilt für Licht (nur in dem Raum, in dem du dich tatsächlich auch aufhältst), den Wasserhahn (beim Zähneputzen, beim Putzen, beim Kochen) und vor allem auch für alle Elektrogeräte, die einfach so im Stand-by-Modus Strom vor sich hin fressen. Alles, was nicht gebraucht wird: Aus. Ganz aus.
Das spart ganz nebenbei eine Menge Wasser uns Strom.

4 Fix it, Baby!

Wasserkocher defekt? Stuhlbein kaputt? Lack ab? Knopf ab? Sohlen abgelaufen? Es muss nicht immer alles sofort weggeschmissen werden. Oft kann man Dinge mit ein paar Handgriffen wieder fit bekommen. Wer kein geborener Meister Eder ist, kann klein anfangen und sich für die kniffeligen Fragen Rat holen.

Wer beim Reparieren Hilfe braucht, findet im Verzeichnis der Reparatur-Initiativen garantiert auch eine Anlaufstelle in seiner Nähe.

5 Give them a Second Chance!

Du brauchst dringend etwas Neues? Stiefel? Jacke? Küchenutensilien? Man muss nicht immer alles neu kaufen.

Vintage ist nicht nur cool, sondern vor allem nachhaltig. Vieles, was andere vielleicht nicht mehr brauchen, ist noch absolut gut und es ist Verschwendung, es wegzuwerfen.

Kleinanzeigen, Flohmärkte und Second Hand Läden haben sicher noch etwas für dich vorrätig. Denn: Ein neu gekauftes Teil ist nach dem ersten Benutzen auch gebraucht. Und ein gebrauchtes Teil ist für dich immer auch neu, wenn du es zum ersten Mal in Händen hältst.

6 My one and only.

Lieber ein gutes Teil als zehn mittelmäßige. Das gilt vor allem für Schuhe und Kleidung. Lieber eine nachhaltige, etwas teurere Jeans in guter Qualität, als drei schlecht sitzende Billigteile.

Bei vermeintlichen Schnäppchen zahlt immer jemand anderes die Rechnung für dich. Sei des durch Kinderarbeit, Billiglohn oder unwürdige Zustände. Einer zahlt. Immer.

Bei Einrichtungsgegenständen oder Elektro- und Elektronikgeräten kann ein Blick in die Kleinanzeigen oder in entsprechende Facebook-Gruppen lohnen. Meist gibt es genau das gewünschte Teil dort. Und wenn nicht: Nimm einen Eimer Farbe dazu und streiche den neuen Schrank nach deinen Vorstellungen. So schaffst du ganz nebenbei noch ein Unikat.

7 Give me one (more) piece.

Alles ist zigfach eingepackt. Warum muss es immer die Schokolade in einzelnen Riegeln sein? Nimm eine ganze Tafel. Einzeln verpackte Vollkornbrotscheiben? Muss nicht: Brot gibt’s am Stück und hält sogar länger frisch. 4 x 150 Gramm Yoghurt im Plastikbecher? Nimm ein großes Mehrwegglas und fülle dir deine Portion zum Mitnehmen ins Büro einfach selbst ab. Kleine Trinkpäckchen mit Orangensaft? Wozu. Ein Kilo frische Orangen lassen sich auch wunderbar selbst auspressen.
Sieh dich ein bisschen um. Mit ein wenig Übung findest du immer die umweltfreundliche Alternative „am Stück“ und ohne Extra-Müll.

8 Bring it back.

Viele Dinge kann man zurückbringen. Getränkeflaschen, Yoghurt-Gläser, Kleiderbügel aus der Reinigung, Altglas, Altpapier, Batterien (wenn es denn sein muss – nutze lieber wiederaufladbare Akkus). Viele Verbrauchsartikel lassen sich als Mehrweg-Artikel erwerben oder aber du wählst Gefäße, die sich zumindest recyceln lassen und bist so fair, diese nicht im Hausmüll, sondern bei den dafür vorgesehenen Sammelstellen zu entsorgen.

Also – lass es uns gemeinsam angehen. Denn ein bisschen Rücksicht auf unseren Planeten kann unglaublich viel Spaß machen.

Beziehungsweise: Das Änderungsphänomen

Warum verlieben wir uns erst und fangen dann sofort an, an unserem Partner herumändern zu wollen? Hätten wir vielleicht doch lieber einen Partner-Baukasten und geht es uns gar nicht um die Person? Welches Phänomen steckt hinter diesem weit verbreiteten Verhaltensmuster?

Eine Suche bei Google zum Thema „Wie kann ich meinen Partner ändern?“ bringt über 40 Mio. Suchtreffer.

Es scheint ein großes Thema zu sein. Vor allem wir Frauen sind weit vorne, wenn es darum geht, gleich mal Hand an die plötzlich ungeliebten Gewohnheiten unseres Partners zu legen.

Nach dem Tod der ersten Schmetterlingen geht’s los

Natürlich passiert das meist nicht unmittelbar beim ersten Date. In der verliebten Phase zu Anfang einer Beziehung finden wir alles süß oder cool. Seine Macken sind besondere Eigenarten und machen ihn speziell. Nach einiger Zeit geht uns aber alles nur noch auf den Geist oder wir finden, schlimmer noch, Verhaltensweisen und Angewohnheiten sogar peinlich.

„72 Prozent aller Frauen wollen ihre Partner gern verändern, doch 90 Prozent der Männer lehnen dies ab.“
Schreibt Dr. Wolfgang Krüger in seinem Buch
So gelingt die Liebe, auch wenn der Partner nicht perfekt ist„.

Warum die Frage nicht auch den Herren der Schöpfung gestellt wurde, wird an dieser Stelle leider nicht erörtert. Wahrscheinlich gilt das „ändern-Wollen“ auch für den jeweils anderen Part in der Beziehung. Dass sich 90 Prozent der vom Änderungswunsch Betroffenen aber lieber nicht verändern wollen, überrascht nicht weiter. Denn wenn sie es gewollt hätten, hätten die meisten es wohl schon getan.

Wie reagieren wir auf das Ändern-Wollen?

Christian Thiel, Single- und Partnerschaftsberater aus Berlin, hat eine ziemlich radikale Meinung zum Thema. Er propagiert: „Beziehung ist Gift für die Individualität.“ Wahrscheinlich hat er damit gar nicht so Unrecht, wenn wir von der Änderungswut als Urzustand ausgehen. Andererseits wollen wir die Beziehung ja offensichtlich doch. Wenn wir uns jedoch nun gegenseitig auf Dauer in unserem Ist-Zustand weniger mögen oder uns sogar auf die Nerven gehen, haben wir drei Möglichkeiten: Trennung, Widerstand oder Anpassung.

Trennung wollen wir an dieser Stelle einmal außer acht lassen. Denn wenn eine Trennung ins Haus stünde, wäre der Änderungswunsch nicht länger dringlich.

Widerstand oder einfach anpassen?

Widerstand ist eine natürliche Reaktion auf Kritik, wenn wir einen Funken Selbstbewusstsein in uns tragen. Ungern werden wir persönlich angegriffen. Vor allem Sätze, die „immer machst du“, „nie tust du“ oder „du könntest ruhig mal“ beinhalten, lassen uns augenblicklich innerlich die Messer wetzen. Eine dauerhafte Ablehnung wird in unserer Beziehung also vor allem zu einem führen: Schlechter Stimmung. Es bewegt sich erst mal nichts, außer die Gemüter.

Anpassung ist dagegen der Weg des geringsten Widerstands. Wenn der Partner oder die Partnerin das von mir will, mache ich das eben so und alle sind zufrieden. Erst einmal nicht der schlechteste Ansatz, ist man harmonieliebend. Jedoch werden wir davon auf Dauer wahrscheinlich sehr unglücklich. Jedes ungewollte Zugeständnis drückt uns weiter in eine Ecke, in der wir im Grunde gar nicht sein wollen. Damit kreieren wir gleich die nächste Baustelle: Sich eingeengt fühlen.

Wir bezahlen die Beziehung, die wir behalten wollen mit Zugeständnissen, die wir eigentlich nicht machen wollen.

Die Lösung sind wir selbst

Eigentlich ist das alles ganz einfach: Es ist nicht unsere Aufgabe, an anderen herumzuändern. Viel wichtiger ist es doch, einen Weg zu finden, wie sich beide Ansichten mit möglichst geringen Störgeräuschen vereinen lassen. Vielleicht wäre es dazu sinnvoll, einmal den Blick auf sich selbst zu richten. Wir sollten uns fragen: „Warum nervt mich das?“ Vielleicht kann unser Partner gar nichts dafür, vielleicht sind wir es, die etwas verändert haben oder uns plötzlich aus ganz anderen Gründen nicht zufrieden fühlen?

Experte Dr. Krüger empfiehlt: „Gehen Sie … eine Partnerschaft mit sich selbst ein, finden Sie Ihre innere Mitte. Dann spüren Sie, wie ein tiefgreifender lebendiger Prozess beginnt, der Sie und Ihre Partnerschaft umfassend verändert.“ Er geht sogar soweit zu sagen, dass sich 90 Prozent aller Beziehungen so verbessern. Wir hätten also wirklich etwas gekonnt.

NewWork: Das ist doch nur ein anderes Wort für faul.

NewWork ist derzeit in aller Munde. Meist verächtlich verspottet, gelten Menschen, die teilweise oder ganz im Home Office arbeiten, selbstständig oder auf Projektbasis tätig sind, nur als halbwertige Mitglieder der Arbeitsgesellschaft. Idealisten. Leute, die eben nicht geschafft haben, einen „richtigen Job“ zu bekommen, die „als Ehefrau in Beschäftigungstherapie sind“, die „nach der Babypause den Anschluss verpasst haben“ oder die „irgendwas Kreatives“ machen.

Was macht NewWork eigentlich?

Die smoothe Bezeichnung „NewWork“ beschreibt im weitesten Sinne die Auswirkungen und Konsequenzen der Globalisierung und Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Heißt, die aktuellen Entwicklungen und Fortschritte machen es notwendig, auch in der Organisation der Arbeit ein wenig flexibel zu sein. Denn: Wenn man an einem Zahnrädchen dreht, bewegt sich logischerweise auch das andere mit, wenn man nicht die ganze Maschine kaputt machen möchte.

Fast Reading – Für alle, die #keineZeit haben aber dennoch wissen wollen, was Sache ist: Hier gibt es Bergmanns NewWork in aller Kürze.

Der NewWork Gedanke ist vor allem aber auch ein Umdenken und ein Anpassen des Arbeitsalltags auf die Anforderungen neu entstandener Tätigkeitsfelder. Als zentrale Werte von NewWork gelten Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft. Wir müssen eben ein bisschen fitter im Köpfchen und etwas flexibler in unserem Verhalten werden, wenn wir mit der Digitalisierung mithalten wollen und auch in ein paar Jahren noch einen sinnvollen Arbeitsplatz haben möchten.

NewWork ist daher sehr viel mehr als ein „Ausweichmanöver“ aus der klassischen Arbeitswelt.

Wie der Gedanke von Vertretern der „alten Arbeitsordnung“ oft verspottet wird. Allzu oft wird NewWork Befürwortern Faulheit unterstellt. „Die arbeiten doch nicht richtig“ heißt es oft.

Die falsche Skala

Früher wurde Arbeit mit der Stechuhr gemessen. Der Arbeitgeber verlangte, dass man – außer an Wochenenden, Feier- oder Urlaubstagen – minimum acht Stunden am Stück anwesend ist. Vorgeschriebene Pausenzeiten on top. Wann die beginnen und wann diese enden, schrieb das Unternehmen vor. In vielen Digitalen Jobs grenzt diese Vorstellung jedoch an Wahnsinn. Kreativ auf Knopfdruck? Exakt am Stück zu einer fest definierten Urzeit?
Der Mitarbeiter ist aber da und unter Kontrolle – wird das Unternehmen nun sagen. Ich möchte hinzufügen: Egal, wie produktiv er ist.

Die große Angst vor der Faulheit

Es scheint, als hätten Unternehmen vor allem Angst vor Kontrollverlust. Wer nicht physisch anwesend ist, tut vielleicht ja nichts.

Als lebende Vertreterin der NewWork – jedoch mit einem über 10-jährigen Erfahrungsschatz als Angestellte der „alten Schule“ – kann ich Entwarnung geben: Ich denke heute nicht länger „ich habe ja Zeit bis mindestens 18 Uhr und wenn ich früher fertig bin, kann ich mir davon auch nichts kaufen, außer dass ich das Laufwerk aufräumen, den Pressespiegel sortieren oder mir sonst eine kreative Zeitüberbrückung bis Feierabend suchen muss.“

Ich wage zu behaupten, dass viele Angestellte, die angeblich 12 oder 14 Stunden am Tag „arbeiten“, das nicht wirklich tun. Kein Mensch kann so lange am Stück Bestleistung abliefern. Es gibt dazwischen unheimlich viel Leerlauf, der dann eben im Büro überbrückt wird. Es geht um eine reine Anwesenheitsshow. Wer als letzter geht, gewinnt. Und wer häufig nach 22 Uhr das Büro verlässt wird als „hochmotiviert“ eingestuft und bekommt die nächste Beförderung. Am Ende eine riesige Lebens- und auch Arbeitszeitverschwendung.

Leistung kaufen, statt Zeit mieten

Mein heutiger NewWork Gedanke ist: „Bis zur Deadline werde ich mein Projekt abliefern. In bestmöglicher Qualität.“ Natürlich haue ich ganz anders in die Tasten, als früher. Denn die Skala, mit der ich gemessen werde, ist heute die richtige.

Es geht um Qualität und gute Arbeit und nicht um das Absitzen von vorgeschriebenen Zeitfenstern, egal in welchem Zustand und egal, ob Arbeit da ist oder nicht.

Wenn ich arbeite, gebe ich mir alle Mühe, gute Arbeit abzuliefern, denn ich möchte ja gerne wieder gebucht werden. Das passiert am wahrscheinlichsten, weil ich gute Arbeit mache und nicht, weil ich acht Stunden am Stück an einem Schreibtisch sitzen und lächeln kann, wenn der Chef vorbeikommt. Was ich auch kann, aber ziemlich langweilig finde.

Daher ja, ich organisiere mich und optimiere meine Zeit selbständig. Dafür habe ich die Freiheit, wenn ich meine Arbeit auf die maximal produktive Zeit lege, mir vielleicht zwischendurch einen kleine Auszeit zu gönnen. Im Büro hätte ich diese notwendige Regenerationszeit mehr oder weniger sinnlos vertrödelt, bis der Kopf wieder läuft. Mit freier Zeiteinteilung kann ich etwas lesen, ein Gespräch führen oder Vitamin D in der Sonne tanken. Oder ich kann zum Sport, einen kleinen Spaziergang machen, für ein gesundes Abendessen einkaufen und muss nicht nach Feierabend irgendein Fast-Food hastig in mich reinschlingen und mir noch eine Bandscheibenspritze beim Arzt holen. Das wichtigste daran: Ich kann das ohne schlechtes Gewissen tun, da ich ja keine bezahlte Anwesenheitszeit dafür „vertrödle“.

All das kommt meinen Auftraggebern zugute. Sie bekommen meine produktivste Zeit und mich in kreativstem Zustand. Sie mieten meinen Kopf nicht in einem starren Zeitfenster, egal ob er gerade produktiv ist oder nicht.

Musik.

Es entsteht ganz leise. Ganz tief innen. Aus verhaltenen Geigentönen in deinem Hinterkopf braut sich ein bombastisches Paukengewitter zusammen, das ganz tief in die Magengegend trifft. Bässe, die die Lunge erzittern lassen. Melodien und Schwingungen, die dein ganzes Denken für sich einnehmen.

Ein Gefühl, das jetzt beschlossen hat, Regie zu führen. Unaufhaltsam sucht es sich seinen Weg nach draußen.

Ein kleines Zwinkern reichte aus, um es aufzuwecken. Ein Blick. Haare, die sich von einem Luftzug schubsen lassen. Ein kurzer Hauch eines Geruchs in der Nase.
Ganz leise brechen innere Mauern. Bröckeln kontinuierlich vor sich hin, bis sie nichts weiter sind als Sand. Bis sie den Weg frei machen für dein schönstes Lächeln.

Gegenüber Augen in denen du dich verlierst. Hände, deren Berührungen du kennst, bevor du sie spürst. Haare, deren unbekannter Geruch dir so unendlich vertraut ist. Eine Stimme, die dir imaginäre Gedichte vorliest.

Plötzlich, ganz plötzlich, ist da nur noch Musik und die Vernunft hat Pause.

Ohne die richtigen Turnschuh bist du raus.

Letztens las ich folgenden Satz: „Es wird niemand an deinem Grab stehen und sagen, was hatte sie nur für tolle Schuhe und was für eine teure Couch.

Zugegeben populistisch verpackt, dennoch wahnsinnig wahr.

Es gibt Mädchen, keine 16 Jahre alt, die sich von ihrem Ausbildungsgehalt eine Louis Vuitton Täschchen absparen. Jeden Monat 25 Euro, bis sie dann in den Laden gehen und sich so ein Ding kaufen. Eine schlecht verarbeitete Plastik-beschichtete Canvas-Tasche im Omma-Design für um die 1.000 Euro. Jaha. Und das nur weil irgendeine Marke draufgestempelt ist, die anderen Nicht-LV-Trägern signalisiert: Hey, ich bin was Besseres, denn ich kann mir so ein Ding leisten.

Nur ein Beispiel. Das LV-Täschchen kann beliebig ersetzt werden durch Rolex (okay, das ist noch eine Wertanlage, weil man sie an andere Spinner zum gleichen oder sogar höheren Preis weiterverkaufen kann), Tiffany & Co. (hey, unter so einem Klunker sag ich nicht ja) oder auch windige, in Kambodscha zusammengetackerte Klamotten, deren Geruch nach blutig-geschufteten Kinderhänden mit der Chemie-Keule übertüncht wird.
Wird ein wichtiges Label eingenäht (die Wichtigkeit bestimmt das Fernsehen nach Frequenz der Werbeschaltungen), vergisst man auch schnell den lumpigen Schnitt, die schlechte Verarbeitung und die ethische Verwerflichkeit. Schließlich wird auch hier signalisiert: „Ich kann mir eine Bluse für 800 Euro leisten, die nach 4 Monaten auseinander fällt. Und hey, es ist mir egal, wer damit Geld macht und auf wessen Kosten. Für mich zählt nur: Ich kann’s mir leisten und du sollst das gefälligst sehen.“

Aber brauchen wir das alles, um im Game of Pimpfs mitzuspielen? Gibt es nicht Dinge und vor allem Eigenschaften, die viel mehr zählen und vor allem: Die uns im Leben weiterbringen?

Heute ist es wichtig, welche Turnschuhe ein Kind auf dem Pausenhof trägt. Es ist s***egal, ob es vielleicht extrem schlau ist, ein großes Talent im Zeichnen, Rechnen oder Schreiben besitzt. Wenn du die falschen Turnschuhe trägst, bist du raus. Und wenn du vier gerade Sätze am Stück sprechen kannst, bist du der Nerd und wirst verprügelt. So sieht’s aus. Es sei denn, du hast die richtigen Turnschuhe….

Ich halte es da ganz gerne mit Idiocracy (wer sich informieren möchte – ein sehr sehenswerter Film: http://www.imdb.com/title/tt0387808/):
„Bitte sag ihnen, sie sollen Bücher lesen.“
Vielleicht sollte ich hinzufügen: Es reicht völlig, zwei Paar Schuhe zu besitzen. Wenn man dann noch ein paar Moped-Stiefel im Flur stehen hat, ist es schon Luxus.

 

Auf Karriere-Diät

Alix Faßmann schreibt im SPIEGEL über ein sehr interessantes Thema: Karriereverweigerung. Dem kann ich in dieser Form nur zustimmen.

Wie genau das mit der Karriere geht: Ich habe das im BWLer oder Heuschreckenumfeld am eigenen Leib gelernt und erfahren. Warum ich BWL studiert habe? Ich wusste es nicht besser. Wie soll man in unserem Bildungssystem, wenn man mit 17 aus der heilen Schulwelt gespuckt wird, wissen, was diese Pläne im dicken grünen Studienverzeichnis mit der Realität zu tun haben?
Wenn ich nur vorher gewusst hätte, was hinterher auf mich zukommt …
Heute glaube ich allerdings, es ist gar nicht so verkehrt, die „Wissenschaften der wirtschaftlichen Mächte“ zu kennen und letztendlich zu wissen, wie dieser Hokus-Pokus funktioniert.

Aber zurück zum Konstrukt Karriere: Wir verkleiden uns mit teuren Anzügen (vorzugsweise Dolce oder maßgeschneidert für die Herren oder Strenesse für die Dame), hängen uns ein Prada-Täschchen um, stecken uns eine Gucci-Sonnenbrille ins Haar (die niemals die Sonne sieht) und dann: Arbeiten wir wie die Stiere (um der Gleichstellung Tribut zu zollen: Wie die Kühe). 60 Stunden und mehr die Woche. Bei Vertrauensarbeitszeit. Mit der hübschen Formulierung „Mehrarbeit, sowie Sonn- und Feiertagsarbeit ist mit dem Gehalt abgegolten“ im Arbeitsvertrag. Für das große Ziel: Die Karriere.
Schon im BWL-Studium wird uns eingeimpft: Wer nicht Unternehmensberater wird, hat verloren. Berater sein heißt: Ebenfalls das teure Kostümchen tragen, dabei aber mindestens 4 Tage die Woche aus einem kleinen handgepäcktauglichen Trolley leben und in teuren Hotels einchecken, in denen wir sowieso nicht zum Schlafen kommen. Denn ganz unten auf der Karriereleiter malen wir Power-Point Folien. Ganze Berge davon. Ständig wieder neue. Damit die, die weiter oben auf der Leiter sitzen, diese dann präsentieren können.
Dazu trinken wir haufenweise Espresso, denn Milchkaffe ist etwas für Sekretärinnen. Die haben dafür Zeit. Falls wir doch einmal schlafen wollen und gegen 22 Uhr früher gehen, haben wir ein Ersatz-Sakko in der Schublade, das wir an der Stuhllehne hängen lassen. Das Zeichen für: „ich bin gleich wieder da.“ Selbstverständlich tragen wir sogar auf dem Weg zur Toilette immer Berge von Papier oder ein elektronisches Kommunikationsmedium mit uns herum, um beschäftigt zu wirken. Die Schrittgeschwindigkeit darf dabei nie unter 6 km/h liegen.

Aber auch in der „freien Wirtschaft“ (auch so ein schöner BWL-Begriff) gibt es „attraktive Jobs“. Heißt: Wieder das Kostümchen anziehen und mindestens 60 Stunden die Woche rackern. Der Tisch wird immer voller. Und eigentlich haben wir gar keine Zeit, etwas sinnvolles zu arbeiten, denn wir sollen ja Karriere machen. Einfach nur arbeiten? Das ist zu wenig. Von den frischen, bissigen Einsteigern wird Dynamik und Engagement erwartet.
Heißt: Politik. Sich positionieren. Beim Vorstand. Besser als die Kollegen, damit wir auch berücksichtigt werden, wenn neue Visitenkarten gedruckt werden.
Der Lohn: schicke Titel auf kleinen Papierkärtchen, damit man aus dem Visitenkarten-Quartett auf gähnend-langweiligen Abendveranstaltungen als Sieger hervorgeht. Ein Parkplatz weiter vorne in der Tiefgarage. Ein Eckbüro mit 2 (!) Fenstern. Vielleicht sogar ein Firmenwagen.
Für mich gleich zwei Probleme in einem: Ich arbeite für ein Unternehmen, dem ich egal bin und bekomme dafür Dinge, die mir egal sind.

Das ganze Geld, dass es für den Job gibt, können wir sowieso nicht für uns ausgeben. Wenn wir zu Hause sind, müssen wir dringend schlafen und die Läden haben zu. Urlaub? Wann denn?  – Mit Freunden ausgehen? Mit wem denn? Die letzten realen Freunde haben sich vor 2 Jahren verabschiedet, weil sie Phantom-Freunde, die immer arbeiten, leid sind.
Der Verdienst geht für sinnlose Dinge drauf: Sündhaft teure Lebensmittel, weil der Laden am Flughafen oft der einzige ist, den wir bei Ladenöffnungszeiten erwischen. Reinigung, weil wir keine Zeit haben, Wäsche zu waschen und Hemden zu bügeln. Für Kosmetikanwendungen, um die Augenringe aus dem Gesicht zu bekommen. Schließlich verlangt der Dresscode nicht nur das teure Kostüm, sondern auch ein „gepflegtes Äußeres“.

Irgendwann stellte ich mir die Frage: Warum eigentlich? Kein Mensch wird mir für diesen Irrsinn ein Denkmal setzen. Und selbst wenn: Was hilft mir ein Bronze-Abdruck meiner selbst, der irgendwo in der Landschaft steht?

Seither hab ich meine BWLer-Karriere gegen eine Lebens-Karriere eingetauscht und meine Armbanduhr abgenommen. Ich mache nun Dinge, die mir persönlich am Herzen liegen und sinnvoll erscheinen. Für Leser und  Kunden, die meine Arbeit zu schätzen wissen. Und ich habe es noch keine Sekunde bereut.