Fassaden-Sex und gewünschtes Verhalten

Manchmal tut es eben weh. Die editionF brachte heute einen interessanten Artikel zum Thema „schlechter Sex„. Hierbei wird differenziert, dass Männer schlechten Sex schon dann haben, wenn es nicht „perfekt lief“, Frauen hingegen Sex oft schon gut finden, wenn es nicht weht tut. Eine schockierende Aussage. Warum gehen hier unsere Wahrnehmungen und Ansprüche so weit auseinander? Autorin Silvia Follmann bringt es auf den Punkt:

„Frauen werden auch im Alltag dazu erzogen, selbst dann zu suggerieren, sie würden sich wohlfühlen, wenn sie sich nicht wohlfühlen.“

Das fängt beim Tragen von unbequemen Schuhen, die unsere Füße malträtieren an und hört irgendwo bei schmerzhaftem Sex, den wir ertragen und einfach wegatmen, auf. Dazwischen gibt es eine ganze Palette von Erniedrigungen, die wir Frauen körperlich und psychisch über uns ergehen lassen, um einem bestimmten Bild zu entsprechen.

Oft ist es die Angst

Wir haben früh gelernt, uns auf eine Art Tauschhandel einzulassen. Wir tauschen ein Stück Wohlbefinden gegen Bewunderung, Anerkennung, Liebe oder Zuneigung. Manchmal geht die Rechnung sogar auf, weil wir uns mit der gewonnenen Zuneigung wieder wohler oder zumindest „richtig“ fühlen. Meist haben wir aber doch das Nachsehen.

Wahrscheinlich ist der Grund allen Übels die Angst. Angst, nicht gut genug, nicht liebenswert genug, nicht schön genug zu sein. Die Angst, etwas falsch zu machen. Die Angst, belächelt zu werden. Die Angst, jemanden sonst vielleicht zu verlieren. Und, schlimmer noch, die Angst vor dem Alleinsein.

Menschen sind soziale Wesen – wir wollen dazugehören

Vieles fängt schon in der Jugend an. Um zu einer Gruppe zu gehören, machen wir allerhand Blödsinn. Mutproben, um cool zu sein. Alkohol trinken, auch wenn er uns gar nicht schmeckt, nur um dabei zu sein. Rauchen, Kiffen oder schlimmeres, nur um nicht der Looser zu sein.

Sozialer Druck und der Wunsch nach Anerkennung lässt uns oft Dinge tun, die wir für uns alleine auf einer einsamen Insel nicht tun würden.

Die Erfahrung aus diesem Verhalten, bestätigt uns. Denn wenn wir mitmachen, gehören wir dazu. Wir sind cool, bekommen Anerkennung. Wir lernen: Tun wir Dinge, die wir vielleicht nicht mögen, andere aber von uns erwarten, werden wir mehr gemocht.

Das ist zunächst einfacher, weil uns das gewünschte Verhalten vorgelebt oder vorgegeben wird. Wenn wir tun, was wir selbst für richtig halten und womit wir uns vielleicht wohl fühlen würden, besteht die Gefahr, damit auch einmal anzuecken. Und Anecken und Aufmucken ist nicht unbedingt das, was an attraktiven Frauen und potenziellen Partnerinnen üblicherweise gemocht wird. Also ergeben wir uns oft in dieses Muster.

Wir wollen einem Bild entsprechen

Mit all diesen Lektionen im Gepäck machen wir uns auf die Suche nach einem Partner. Natürlich wollen wir für den Auserwählten das bestmögliche Bild abgeben. Also tun wir wieder das, was das allgemein gewünschte Frauenbild verlangt. Rechnen wir uns damit doch die besten Chancen aus.

Wir Quetschen und in HighHeels und viel zu enge Kleider, malen uns die Nägel an. Viele gehen noch weiter. Sie lassen sich die Brüste operieren, gehen dreimal die Woche zu einem Sport, der ihnen überhaupt keinen Spaß macht, aber angeblich einen sexy Body formt oder unterziehen sich quälenden Diäten. Genau aus diesem Motiv heraus findet dann oft der schlechte Sex statt. Wir wollen so sein, wie wir glauben, dass er es von uns erwartet, anstatt auf unsere eigenen Bedürfnisse zu hören.

Unter all den Dingen, die wir tun, aber gar nicht wollen, haben wir uns irgendwann selbst verloren. Wir wissen gar nicht mehr, wer wir eigentlich sind und was wir wollen, unter all der Fassade.

Das rote Kleid ist die bessere Wahl

Wir sollten dringend wieder anfangen auf uns selbst zu hören. Wenn der angeblich Auserwählte uns nur im erwünschten blauen Kleid aber nicht im roten, das uns selbst gefällt, will, will er uns vielleicht einfach nicht. Und wir ihn auch nicht. Daran ändert auch kein schlechter Sex, den wir ihm zuliebe ertragen, etwas. Wenn wir erst einmal lernen, im roten Kleid selbstbewusst zu strahlen, werden wir genug Kandidaten finden, die auch unser echtes Ich attraktiv finden. Und dann haben wir auch die Chance auf guten Sex. Mit ihm und uns selbst.

Denn ganz ehrlich: Lieber erst einmal gar keinen, als Fassaden-Sex.

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Nachhaltigkeit on – 8 Merksätze für den Start

Nachhaltig leben ist so schwierig. Ein Satz, den ich immer wieder höre. Ja, wahrscheinlich stimmt das, wenn wir versuchen vom Umweltberserker auf absoluter Vorbildmensch umzuschalten. Das führt zu Frust, Überforderung und nicht oft zur Resignation, bevor wir überhaupt angefangen haben, etwas zum Positiven zu verändern. Hier gibt es acht einfache Tipps, wie ein Start gar nicht weh tut.

1 Daheim kauft sich’s am schönsten.

Kleiner Reminder für den Supermarkt. Es müssen nicht immer Flugananas, die Tomaten aus Spanien, Spargel im Dezember oder Erdbeeren im März sein. Radieschen, Kopfsalat, Blaubeeren – je nach Saison wird um die Ecke auch ganz wunderbares geerntet. Regional zu kaufen spart CO2 und schont die Umwelt. Denn die Transportwege sind deutlich kürzer. Und ganz nebenbei unterstützen wir auch noch unsere Nachbarn.

Wann welches Obst und Gemüse in unseren Breiten erntereif ist, lässt sich einfach in einem Saisonkalender nachsehen.

Übrigens: Ein regionaler Speiseplan sorgt automatisch für mehr Abwechslung auf dem Teller.

2 Nackt ins Körbchen.

Oft kommt man vom Einkauf nach Hause und wirf 30% des Einkaufs gleich wieder weg. Verpackung, Tüten, Plastik ohne Ende. Das muss nicht sein. Nimm wiederverwertbare Taschen und Obst- und Gemüsetüten aus Tüll mit. Manches Obst und Gemüse muss gar nicht eingepackt werden, da es sowieso vor dem Verzehr gewaschen wird. Wenn du die Verpackung gar nicht vermeiden kannst (gerade in der Stadt ist das oft wirklich schwierig) achte auf möglichst wenig Verpackung aus Papier, Karton oder Glas.

3 Turn me off.

Aus, wirklich, wirklich aus.
Das gilt für Licht (nur in dem Raum, in dem du dich tatsächlich auch aufhältst), den Wasserhahn (beim Zähneputzen, beim Putzen, beim Kochen) und vor allem auch für alle Elektrogeräte, die einfach so im Stand-by-Modus Strom vor sich hin fressen. Alles, was nicht gebraucht wird: Aus. Ganz aus.
Das spart ganz nebenbei eine Menge Wasser uns Strom.

4 Fix it, Baby!

Wasserkocher defekt? Stuhlbein kaputt? Lack ab? Knopf ab? Sohlen abgelaufen? Es muss nicht immer alles sofort weggeschmissen werden. Oft kann man Dinge mit ein paar Handgriffen wieder fit bekommen. Wer kein geborener Meister Eder ist, kann klein anfangen und sich für die kniffeligen Fragen Rat holen.

Wer beim Reparieren Hilfe braucht, findet im Verzeichnis der Reparatur-Initiativen garantiert auch eine Anlaufstelle in seiner Nähe.

5 Give them a Second Chance!

Du brauchst dringend etwas Neues? Stiefel? Jacke? Küchenutensilien? Man muss nicht immer alles neu kaufen.

Vintage ist nicht nur cool, sondern vor allem nachhaltig. Vieles, was andere vielleicht nicht mehr brauchen, ist noch absolut gut und es ist Verschwendung, es wegzuwerfen.

Kleinanzeigen, Flohmärkte und Second Hand Läden haben sicher noch etwas für dich vorrätig. Denn: Ein neu gekauftes Teil ist nach dem ersten Benutzen auch gebraucht. Und ein gebrauchtes Teil ist für dich immer auch neu, wenn du es zum ersten Mal in Händen hältst.

6 My one and only.

Lieber ein gutes Teil als zehn mittelmäßige. Das gilt vor allem für Schuhe und Kleidung. Lieber eine nachhaltige, etwas teurere Jeans in guter Qualität, als drei schlecht sitzende Billigteile.

Bei vermeintlichen Schnäppchen zahlt immer jemand anderes die Rechnung für dich. Sei des durch Kinderarbeit, Billiglohn oder unwürdige Zustände. Einer zahlt. Immer.

Bei Einrichtungsgegenständen oder Elektro- und Elektronikgeräten kann ein Blick in die Kleinanzeigen oder in entsprechende Facebook-Gruppen lohnen. Meist gibt es genau das gewünschte Teil dort. Und wenn nicht: Nimm einen Eimer Farbe dazu und streiche den neuen Schrank nach deinen Vorstellungen. So schaffst du ganz nebenbei noch ein Unikat.

7 Give me one (more) piece.

Alles ist zigfach eingepackt. Warum muss es immer die Schokolade in einzelnen Riegeln sein? Nimm eine ganze Tafel. Einzeln verpackte Vollkornbrotscheiben? Muss nicht: Brot gibt’s am Stück und hält sogar länger frisch. 4 x 150 Gramm Yoghurt im Plastikbecher? Nimm ein großes Mehrwegglas und fülle dir deine Portion zum Mitnehmen ins Büro einfach selbst ab. Kleine Trinkpäckchen mit Orangensaft? Wozu. Ein Kilo frische Orangen lassen sich auch wunderbar selbst auspressen.
Sieh dich ein bisschen um. Mit ein wenig Übung findest du immer die umweltfreundliche Alternative „am Stück“ und ohne Extra-Müll.

8 Bring it back.

Viele Dinge kann man zurückbringen. Getränkeflaschen, Yoghurt-Gläser, Kleiderbügel aus der Reinigung, Altglas, Altpapier, Batterien (wenn es denn sein muss – nutze lieber wiederaufladbare Akkus). Viele Verbrauchsartikel lassen sich als Mehrweg-Artikel erwerben oder aber du wählst Gefäße, die sich zumindest recyceln lassen und bist so fair, diese nicht im Hausmüll, sondern bei den dafür vorgesehenen Sammelstellen zu entsorgen.

Also – lass es uns gemeinsam angehen. Denn ein bisschen Rücksicht auf unseren Planeten kann unglaublich viel Spaß machen.

Musik.

Es entsteht ganz leise. Ganz tief innen. Aus verhaltenen Geigentönen in deinem Hinterkopf braut sich ein bombastisches Paukengewitter zusammen, das ganz tief in die Magengegend trifft. Bässe, die die Lunge erzittern lassen. Melodien und Schwingungen, die dein ganzes Denken für sich einnehmen.

Ein Gefühl, das jetzt beschlossen hat, Regie zu führen. Unaufhaltsam sucht es sich seinen Weg nach draußen.

Ein kleines Zwinkern reichte aus, um es aufzuwecken. Ein Blick. Haare, die sich von einem Luftzug schubsen lassen. Ein kurzer Hauch eines Geruchs in der Nase.
Ganz leise brechen innere Mauern. Bröckeln kontinuierlich vor sich hin, bis sie nichts weiter sind als Sand. Bis sie den Weg frei machen für dein schönstes Lächeln.

Gegenüber Augen in denen du dich verlierst. Hände, deren Berührungen du kennst, bevor du sie spürst. Haare, deren unbekannter Geruch dir so unendlich vertraut ist. Eine Stimme, die dir imaginäre Gedichte vorliest.

Plötzlich, ganz plötzlich, ist da nur noch Musik und die Vernunft hat Pause.

Der Nanny-Ersatz: Fernseher

Kinder sind ein wunderbarer Spiegel unserer Gesellschaft. Nachdem ich die Freude habe, direkt über einer Kindertagesstätte zu wohnen und zu schaffen, sitze ich sozusagen direkt am Quell des gesellschaftlichen Verfalls. Live und in Farbe.

Erinnern wir uns nicht alle gerne an unsere Kindheit zurück? In der wir uns, im zarten Alter von 4 oder 5 Jahren, zwei Spielgefährten schnappten um Ritter, Prinzessin und böser Räuber zu spielen? Der große Bub war der Ritter, die kleine Schwester des Kumpanen, die man mal wieder auf Geheiß der Eltern zum Spielen mitnehmen musste, die Prinzessin. Meist nicht mit Sprechrolle, aber niedlich anzusehen und gut geeignet um sie zu beschützen, wenn der böse Räuber auf seinem Dreirad angeritten kam. Ein schönes Spiel.

Am heutigen Tage durfte ich Zeugin einer Neuinszenierung eben dieses Stückes werden. Sozusagen einer Transformation in die Moderne. Renommierte Theaterkritiker hätten ihre wahre Freude daran, wären sie Zeugen des Geschehens geworden.

Im Garten des Kindergartens. Kind 1, 2 und 3 (in Summe keine 12 Jahre alt) sind bei ca. 4° Grad Außentempeartur im Garten geparkt, um die ErzieherInnen nicht beim Kaffee trinken zu stören, bis die Bringzeit vorüber ist und das gemeinsame Frühstück beginnt.
Kind 1: „Ey, lass uns was krasses spielen.“
Kind 2: „Geht klar. Was’n?“
Kind 1: „Ich bin der coole Checker und du die Bitch.“
Kind 3 (mischt sich ein): „Ey, dann bin ich der, der euch abziehen will!“

Wie schön wäre eine Welt, in der Kindern bisweilen ein echtes Buch vorgelesen würde. In der Mütter Zeit hätten, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und Kinder nicht ihr Wissen aus dem Nanny-Ersatz Fernseher ziehen müssten.

 

Aus der Zauberkiste des Wahnsinns – E-Mail an mich #4

Mein E-Mail Postfach ist ein Quell der ewigen Freude!
Heute erreichte mich einmal mehr so großartige Post jener Kategorie, die mich nachhaltig jung hält. Sorgt sie doch dafür, dass meine Gesichtszüge gar nicht auf die Idee kommen, verhärmte Falten zu produzieren. Ich danke dem Absender vorab für die 1.000 Lachfältchen extra.

Aber zurück zum Anfang der Geschichte:
Ein mir bis dato völlig unbekannter Nutzer Sozialer Medien namens Richard K. [Name aus Pietätsgründen v.d.R. geändert] platzt ohne Vorwarnung munter in mein Postfach [ich zitiere wörtlich, incl. kreativer Orthographie] – Anrede und Grußformel sowie eine Vorstellung werden augenscheinlich nach wie vor überbewertet:

„Besser wär für dich echt das Cabrio-Fahren. Erstens ist es seiöser, ungefährlicher und macht auch noch bei hohen Geschwindigkeiten Sinn und Spass. Hat man das nötige Kleingeld, dann ist die Reisegeschwindigkeit auch auf Passstrassen mit dem Auto höher. Die Frau verkommt nicht zu einer Mückenschluckerin und bei Regen zu einem nassen Pudel. Deshalb auch für mich: Edle Frau = ohne Motorrad ansonsten NoGo.“

Schön an dieser Stelle: Die subtile Unterstellung des fehlenden Kleingeldes, die automatisch für den Moment das eigene kleine Ego ein bisschen größer macht. Worüber ich tatsächlich noch nachdenke, ist die Sache mit dem Cabrio und dem nassen Pudel. Denn bei Regen ist ein offenes Cabrio-Dach tatsächlich weitaus weniger bequem, als ein Motorrad-Helm.
Jedoch interessiert es mich tatsächlich brennender zu erfahren, wie die neuzeitliche Definition einer „edlen Frau“ lautet. Also übe ich mich in Contenance und antworte auf ähnlichem Niveau:

„Einen schönen guten Tag! Interessanter Ansatz. Was jetzt jedoch gänzlich untergegangen ist, ist die Definition einer edlen Frau. Vielleicht kann ich ja noch etwas lernen?“

Prompt ist Richard  mit einer Erklärung zur Stelle:

„Motorrad macht Frauen zu „Mannweibern“. Da mache ich auch erst mal einen Schritt zurück. Das ist nicht besonders feminin. Da kann sie sich nebenbei als Vamp verkleiden, wie sie will, aber der Eindruck bleibt.
Du könntest auch urweibliche Dinge tun und z. B : regelmäßig reiten, ein paar Katzen zu Hause leidenschaftlich versorgen oder als Hobby Poledance betreiben.“

Wow. Feminin = Vamp = Poledance und Kätzchen? Spontan geht vor meinem inneren Auge eine rosa Wolke auf, in der eine Plastik-Barbie mit einem Feder-Staubwedel in Agent-Provocateur-Wäsche mit Verona-Poth-Stimmlage „I’m a Barbie Girl“ trällert. Okay.
Ich bin spontan so begeistert, dass ich dringend mehr über dieses charmante Kerlchen erfahren möchte. Also locke ich ihn noch etwas aus der Reserve:

„Verstehe. Das war mir so gar nicht bewusst. Kannst du mir denn noch einige Tipps geben?“

Und Richard lässt sich nicht lumpen:

„Ihr sucht doch nach Männern mit Status. Das ist doch bei euch immer so. Ich arbeite übrigens bei einem renommierten Finanzunternehmen und kenne viele Single-Männer, die gut verdienen und euch was bieten können. Ich kann dir nur sagen: mit dem Hobby kriegst du sicher keinen von uns.“

Danke Richard, für diese aufschlussreichen Einblicke in „eure“ Welt.
Eigentlich sollte an dieser Stelle mein Part mit Tipps für dich folgen. Allerdings glaube ich, dass du vieles verstanden hast, wenn du von „uns“ und „ihr“ sprichst. Das würde ich für die Zukunft auch gerne einfach so belassen wollen.

 

Von Skiunterwäsche und Waldmeister-Krapfen

Fasching. Noch so ein Ding.
Früher nannte man das Brot und Spiele. Heute wohl „1, 2, 3, Gute Laune“. Mir persönlich erschließt sich nicht so ganz, warum.
Warum muss ich mich in grässliche Klamotten wickeln, mir das Gesicht bunt anmalen und mir eine doofe Perücke aufziehen, um gute Laune zu haben?
Ganz im Gegenteil: Wenn ich das alles mache und DANN immer noch gute Laune habe, handelt es sich tatsächlich um einen gigantisch guten Tag. Vielleicht einen dieser Ausnahme-Tage, an denen ich sogar Clowns leiden mag.

Zu Fasching geht es zu wie zu einer explosiven Mischung aus Oktoberfest und Ballermann mit einer Prise Junggesellenabschied (zur Gleichberechtigung: Junggesellinnenabschied). Nur ist in der Regel die Witterung etwas ungemütlicher. Heisst: Unter die grässlichen Klamotten noch eine Schicht Skiunterwäsche – ich vergaß, die ist vom Après-Ski in Moritz noch übrig, dient da allerdings einem artverwandten Zweck. Wer die Unterwäsche vom letzten Skiausflug noch nicht gewaschen hat, kann alternativ eines dieser Plüsch-Kostüme anziehen. Für das Tragen dieser Kostüme gibt es von großen Fast-Food-Ketten an normalen Tagen den Mindestlohn, damit man sich mit Flyern wedelnd von Kinder umschubsen und von Erwachsenen belächeln lässt. Keiner will diesen Job. Aber zu Fasching! Zu Fasching tun die Menschen das freiwillig, ganz ohne Lohn. Und sind dazu auch noch fürchterlich krampfhaft witzig.

Um die Witzigkeit weiter zu steigern und den Getränkekonsum anzuheizen, gibt es schunkel-taugliche Musik. Gepaart mit platten Witzen aus dem Karnevals-Handbuch, die unter 2 Promille Zahnschmerzen verursachen. Von Bühnen oder gerne auch von Partywagen. In der Regel machen wir um Volksmusik-Veranstaltungen einen großen Bogen. Und wo die 10 Millionen PUR und Helene Fischer Fans sind, weiß man nur vom Hörensagen. An Fasching sind die alle auf der Straße. ALLE. Natürlich verkleidet und damit unerkannt. Und so wird ein Schuh draus.

Zu trinken gibt es sündhaft teures, dafür gleichermaßen schales Bier mit Plastik-Geschmack aus eben diesen Bechern, die beim Zahnarzt am Rande des Spuckbeckens stehen.

Um für das schale Bier eine fettige und gehaltvolle Grundlage zu schaffen, sind da diese undefinierbaren Gebäck-Verbrechen, die sich Faschings-Krapfen nennen. Ja, mehr Fasching geht tatsächlich nicht. Auf Krapfen gehört Puderzucker. Innen rein Aprikosen-Marmelade. Punkt.
Eilerlikör-Creme, Liebesperlen, Waldmeister-Glasur und lustige Smarties-Gesichter gehören maximal auf Kindergeburtstagskuchen. Aber: Fasching ist ja auch so etwas wie Kindergeburtstag. Für Erwachsene. Die sich noch einmal jung fühlen wollen.

Fasching ist für mich ein Phänomen der Flucht. Menschen wollen für einen Tag Spaß haben. Jemand anderes sein. Etwas anderes tun. Aus ihrem frustrierenden, eintönigen Leben fliehen. Auf den Putz hauen.
Aber ist es nicht traurig, wenn das nur in Verkleidung, sozusagen inkognito gelingt. Für nur einen von 365 Tagen?

Wenn es darum geht, gut gelaunt zu sein und Spaß zu haben: Hab ich. Jeden Tag. Nur nicht an Fasching. Denn da werde ich gesellschaftlich dazu angehalten, jemand anderes zu sein.

Nahezu zu Tode (warte)geschleift

Woher kommt eigentlich das Wort Warteschleife? Wahrscheinlich hat es weniger etwas mit dem Wort der Wiederholungsschleife oder einer ellyptischen Kreisbahn, denn viel eher etwas mit der mittelalterlichen Foltermethode des Schleifens zu tun? Mann kann durchaus Menschen zu Tode (warte-)schleifen. Wie mir scheint.

Heute im Call-Center von O2. In meinen Vertragsunterlagen steht, dass unter dieser Kunden-Hotline Vertragsänderungen und Kündigungen möglich sind. Meine zig Passwörter halte ich bereit. Ich weiß schon vom letzten Mal, dass mein Vertrag dort wie Fort Knox gesichert ist. Zumindes vor mir.

Ein Freizeichen – dann „Wenn Sie einen DSL Anschluss beantragen wollen, drücken Sie die Eins, wenn Sie sich über unsere Tarife informieren wollen, drücken Sie die Zwei, wenn Sie Fragen zu Ihrer Festnetztelefonie haben, drücken Sie die Drei.“ Nein hab ich nicht. „Wenn Sie Ihren Vertrag ändern wollen, drücken Sie die Vier.“ Nein, ich will kündigen.
„Wenn Sie ein sonstiges Anliegen haben, sagen Sie „sonstiges“ oder drücken Sie die Neun.“
Vor ich Neun drücke, frage ich mich, womit wohl die Plätze 5 bis 8 belegt sind. Bin aber gleichzeitig froh, dass sie mir nicht vorgelesen wurden.

Dann Musik (fetzige natürlich) – dann Werbung „wussten Sie schon….“ – dann Musik – dann Werbung „wussten Sie schon…“ – Musik – „wussten Sie….“ – Ja, verdammt. Weiß ich. 43 Minuten später hat es sicher auch der Letzte auswendig gelernt.
Dann ertönt: „Legen Sie nicht auf. Ihr Anruf ist uns wichtig.“
Im Ernst?!? Ich persönlich würde jetzt jemanden, der mir wichtig ist, nicht 43 Minuten….

eine mächtig motivierte Stimme weckt mich wieder auf: „Guten Tag bei O2. Mein Name ist [eine Ansammlung an Nuschellauten]. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Eigentlich ist mir schon gar nicht mehr zu helfen, aber ich formuliere: „Ich würde gerne meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Dann sind Sie hier falsch.“
Ich: „Könnten Sie mich bitte durchstellen?“
O2: „Nein, ich bin in Dresden.“
Anscheinend werden dort Anrufe noch hin und hergetragen?
Ich: „Gut, was mus ich tun?“
O2: „Die Kundenbetreuung anrufen.“
Ich: „Hab ich?“
O2: „Kann nicht sein.“
Nein, das will ich jetzt nicht ausdiskutieren. Denn der arme Mann hat sicher den Infobrief nicht geschrieben.
Ich: „Wohin muss ich mich also wenden?“
O2 diktiert mir eine 15-stellige 0180 usw. Nummer.

Ich wähle wieder.
Ein Freizeichen – dann „Wenn Sie einen DSL Anschluss beantragen wollen, drücken Sie die Eins, wenn Sie sich über unsere Tarife informieren wollen, drücken Sie die Zwei, wenn Sie Fragen zu Ihrer Festnetztelefonie haben, ….“ Nein, hab ich nicht.
Ich drücke auf Verdacht die Neun.

Musik. Musik. Musik (die gleiche wie vorher). Werbung „Wussten Sie schon….“ (die gleiche wie vorher).
36 Minuten später: „Herzlich willkommen in der O2 Kundenbetreuung. Mein Name ist [eine Ansammlung von Konsonanten]. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Ich: „Ich würde gerne meinen Vertrag bei Ihnen kündigen.“
O2: „Da sind sie hier falsch.“
Bitte nicht. Ich schweige noch ein bisschen.
O2: „Sind sie noch da?“
Ich: „Ja, ich hatte gehofft, Sie überlegen sich das noch einmal.“
O2: „Ich kann sie durchstellen.“
Ich bin heilfroh: „Ja bitte.“

Musik. Musik. Musik. 15 Minuten. Währenddessen mache ich Kaffee.
O2: „Herzlich willkommen in der O2 Neukundenannahme. Mein Name ist [eine Ansammlung von Konsonanten]. Wie kann ich Ihnen helfen?“
NEUKUNDENANNAHME?
Ich: „Ich möchte gerne meinen Vertrag bei Ihnen kündigen.“
O2: „Sie haben Glück. Da kann ich Ihnen heute ein besonders günstiges Angebot machen. Ultra-High-Speed-Surfer mit Extra-Speed VDSL 100.000 O2 All-In XL ein Jahr zum Preis von Normal-Surfer DSL 10.000 danach 39,95 Euro.“
Danach was?
Ich: „Alles klar!“
O2: „Darf ich das so notieren?“
Ich: „Nein.“
Stille.
O2: „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Ich: „Ja. Ich würde gerne meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Wollen Sie eine schnellere Leitung?“
Ich: „Ich würde gerne meinen Vertrag kündigen.“
Es kommt mir schon vor wie ein Mantra.
O2: „Warum? Sind Sie unzufrieden mit Ihrer Datengeschwindigkeit?“
Ich: „Nein. Ich möchte meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Sie können auch noch eine Telefon Super-Flat XL für die ersten 12 Monate kostenlos dazubuchen.“
Ich: „Nein danke. Ich möchte meinen Vertrag kündigen.“
O2: „Sind sie mit uns unzufrieden?“
Endlich, da war es.
Ich: „Langsam ja.“
O2: „Was ist der Grund für Ihre Unzufridenheit?“
Mit Blick auf 1 Stunde 49 Minuten auf meiner Telefonuhr kommt mir das tatsächlich vor, wie ein schlechter Witz.
Ich: „Ich möchte zu M-Net wechseln.“
O2: „Warum? Wollen Sie eine schnellere Leitung?“
Oh nein. Falsches Stichwort.
Ich: „Weil da ein persönlicher Kundenbetreuer vorbeikommt und mir zuhört.“
O2: „Alles klar. Ich vermerke ihre Kündigung und wünsche Ihnen einen schönen Tag.“

Liebes Call-Center von O2 und liebes Management: so wird das nichts.