Fremdgeschämt: Brüllst du noch oder hast du schon eine Meinung?

Wann genau haben wir vergessen, wie gutes Benehmen im sozialen Miteinander funktioniert? Warum wird so wenig gedacht und dafür so viel geschrien? Und was ist eigentlich „Meinung“?

Es passiert so vieles dieser Tage, das nachhaltig sprachlos macht. Menschen mitten in Europa, die Schulbildung und Erziehung genossen haben, tun und sagen Dinge, die jeglichen Intellekt und jegliches Gespür für soziale Interaktionen vermissen lassen.

Immer mehr Menschen vergessen offensichtlich, wie gutes Benehmen aussieht und wie ein soziales Miteinander funktioniert.

Gestern, bei der Live-Übertragung des Konzertes in Chemnitz auf Facebook war es nachhaltig schockierend, was hunderte von Menschen, die eine Veranstaltung wie diese offensichtlich nicht gut heißen, öffentlich sichtbar und unter ihrem Klarnamen von sich geben. Da wird gedroht, gehetzt, es werden Dinge gesagt, die gar nicht wiederholt werden wollen.

Das soll keinesfalls heißen, dass es nicht in Ordnung ist, seine persönliche Meinung kund zu tun. Doch es stellt sich die Frage, ob es sich in diesem Fällen tatsächlich um Meinung handelt. Denn Meinung – so das Wörterbuch – ist „…eine persönliche Ansicht, Überzeugung, Einstellung o.Ä., die jemand in Bezug auf jemanden, etwas hat (und die sein Urteil bestimmt).“ Was braucht es also, um eine Meinung zu haben?

Weißt du eigentlich, was du da sagst?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass viele den Ursprung und auch die Tragweite ihrer Äußerungen nicht (mehr) einschätzen können oder das, was sie sagen, vielleicht noch nie hinterfragt haben. Da werden Worte gebraucht, die einem den Atem verschlagen und Dinge geäußert, die ein denkender Mensch so einfach nicht ernst meinen kann. Es werden Menschen, die nicht der eigenen „Meinung“ sind, mit dem Tode bedroht. Mitten in einer Demokratie und mitten in einer aufgeklärten Gesellschaft. Warum? Ist es die blinde Wut, die allen Anstand vergessen lässt? Die Hilflosigkeit, die keine Argumente mehr finden lässt? Die pure diffuse Existenzagst, die sämtliche Orthographie erstickt? Oder ist es am Ende nur Dummheit?

Weißt du eigentlich, was du willst?

Angesichts der Kommentare und der immer gleichen Parolen viele rechtsgesinnter Personen stellt sich die Frage: Was genau wollt ihr eigentlich? Natürlich kann man Parolen wie „Lügenpresse“ hundert mal wiederholen. Seid ihr in der Lage, das einem Interessierten zu erklären? Was soll am Ende dabei rauskommen? Was genau ist eure Vorstellung und was wollt ihr erreichen? Wie sieht euer Szenario einer idealen Zukunft aus? Warum genau soll in eurer Vorstellung der „Ausländer raus?“ Welche Angst macht er euch und warum geht sie weg, wenn er weg ist?

Bevor eine Parole in die Welt gebrüllt wird, wäre es sinnvoll, verstanden zu haben, was damit erreicht werden soll.

Und wie bekomme ich jetzt eine Meinung?

Meinung fällt nicht vom Himmel. Sie ist auch nicht so ein Bauchgefühl. Meinung muss wachsen und entstehen. Aus Fakten. Bitte setzt euch hin und lest ein Buch. Besser noch viele. Schaut arte oder 3sat, wenn es Fernsehen sein muss. Geht auf die Straße und sprecht mit euren Nachbarn und versucht, euer Gehirn zu benutzen. Sprecht an Info-Ständen mit Parteien-Vertretern (am Besten aller Couleur) und überlegt, welche euren Vorstellungen einer guten Zukunft nahe kommen. Erst dann ist es möglich, tatsächlich eine „Meinung“ zu haben, die man dann auch ohne weiteres frei äußern und mit anderen diskutieren kann.

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Aus der Zauberkiste des Wahnsinns – E-Mail an mich #4

Mein E-Mail Postfach ist ein Quell der ewigen Freude!
Heute erreichte mich einmal mehr so großartige Post jener Kategorie, die mich nachhaltig jung hält. Sorgt sie doch dafür, dass meine Gesichtszüge gar nicht auf die Idee kommen, verhärmte Falten zu produzieren. Ich danke dem Absender vorab für die 1.000 Lachfältchen extra.

Aber zurück zum Anfang der Geschichte:
Ein mir bis dato völlig unbekannter Nutzer Sozialer Medien namens Richard K. [Name aus Pietätsgründen v.d.R. geändert] platzt ohne Vorwarnung munter in mein Postfach [ich zitiere wörtlich, incl. kreativer Orthographie] – Anrede und Grußformel sowie eine Vorstellung werden augenscheinlich nach wie vor überbewertet:

„Besser wär für dich echt das Cabrio-Fahren. Erstens ist es seiöser, ungefährlicher und macht auch noch bei hohen Geschwindigkeiten Sinn und Spass. Hat man das nötige Kleingeld, dann ist die Reisegeschwindigkeit auch auf Passstrassen mit dem Auto höher. Die Frau verkommt nicht zu einer Mückenschluckerin und bei Regen zu einem nassen Pudel. Deshalb auch für mich: Edle Frau = ohne Motorrad ansonsten NoGo.“

Schön an dieser Stelle: Die subtile Unterstellung des fehlenden Kleingeldes, die automatisch für den Moment das eigene kleine Ego ein bisschen größer macht. Worüber ich tatsächlich noch nachdenke, ist die Sache mit dem Cabrio und dem nassen Pudel. Denn bei Regen ist ein offenes Cabrio-Dach tatsächlich weitaus weniger bequem, als ein Motorrad-Helm.
Jedoch interessiert es mich tatsächlich brennender zu erfahren, wie die neuzeitliche Definition einer „edlen Frau“ lautet. Also übe ich mich in Contenance und antworte auf ähnlichem Niveau:

„Einen schönen guten Tag! Interessanter Ansatz. Was jetzt jedoch gänzlich untergegangen ist, ist die Definition einer edlen Frau. Vielleicht kann ich ja noch etwas lernen?“

Prompt ist Richard  mit einer Erklärung zur Stelle:

„Motorrad macht Frauen zu „Mannweibern“. Da mache ich auch erst mal einen Schritt zurück. Das ist nicht besonders feminin. Da kann sie sich nebenbei als Vamp verkleiden, wie sie will, aber der Eindruck bleibt.
Du könntest auch urweibliche Dinge tun und z. B : regelmäßig reiten, ein paar Katzen zu Hause leidenschaftlich versorgen oder als Hobby Poledance betreiben.“

Wow. Feminin = Vamp = Poledance und Kätzchen? Spontan geht vor meinem inneren Auge eine rosa Wolke auf, in der eine Plastik-Barbie mit einem Feder-Staubwedel in Agent-Provocateur-Wäsche mit Verona-Poth-Stimmlage „I’m a Barbie Girl“ trällert. Okay.
Ich bin spontan so begeistert, dass ich dringend mehr über dieses charmante Kerlchen erfahren möchte. Also locke ich ihn noch etwas aus der Reserve:

„Verstehe. Das war mir so gar nicht bewusst. Kannst du mir denn noch einige Tipps geben?“

Und Richard lässt sich nicht lumpen:

„Ihr sucht doch nach Männern mit Status. Das ist doch bei euch immer so. Ich arbeite übrigens bei einem renommierten Finanzunternehmen und kenne viele Single-Männer, die gut verdienen und euch was bieten können. Ich kann dir nur sagen: mit dem Hobby kriegst du sicher keinen von uns.“

Danke Richard, für diese aufschlussreichen Einblicke in „eure“ Welt.
Eigentlich sollte an dieser Stelle mein Part mit Tipps für dich folgen. Allerdings glaube ich, dass du vieles verstanden hast, wenn du von „uns“ und „ihr“ sprichst. Das würde ich für die Zukunft auch gerne einfach so belassen wollen.

 

Von Skiunterwäsche und Waldmeister-Krapfen

Fasching. Noch so ein Ding.
Früher nannte man das Brot und Spiele. Heute wohl „1, 2, 3, Gute Laune“. Mir persönlich erschließt sich nicht so ganz, warum.
Warum muss ich mich in grässliche Klamotten wickeln, mir das Gesicht bunt anmalen und mir eine doofe Perücke aufziehen, um gute Laune zu haben?
Ganz im Gegenteil: Wenn ich das alles mache und DANN immer noch gute Laune habe, handelt es sich tatsächlich um einen gigantisch guten Tag. Vielleicht einen dieser Ausnahme-Tage, an denen ich sogar Clowns leiden mag.

Zu Fasching geht es zu wie zu einer explosiven Mischung aus Oktoberfest und Ballermann mit einer Prise Junggesellenabschied (zur Gleichberechtigung: Junggesellinnenabschied). Nur ist in der Regel die Witterung etwas ungemütlicher. Heisst: Unter die grässlichen Klamotten noch eine Schicht Skiunterwäsche – ich vergaß, die ist vom Après-Ski in Moritz noch übrig, dient da allerdings einem artverwandten Zweck. Wer die Unterwäsche vom letzten Skiausflug noch nicht gewaschen hat, kann alternativ eines dieser Plüsch-Kostüme anziehen. Für das Tragen dieser Kostüme gibt es von großen Fast-Food-Ketten an normalen Tagen den Mindestlohn, damit man sich mit Flyern wedelnd von Kinder umschubsen und von Erwachsenen belächeln lässt. Keiner will diesen Job. Aber zu Fasching! Zu Fasching tun die Menschen das freiwillig, ganz ohne Lohn. Und sind dazu auch noch fürchterlich krampfhaft witzig.

Um die Witzigkeit weiter zu steigern und den Getränkekonsum anzuheizen, gibt es schunkel-taugliche Musik. Gepaart mit platten Witzen aus dem Karnevals-Handbuch, die unter 2 Promille Zahnschmerzen verursachen. Von Bühnen oder gerne auch von Partywagen. In der Regel machen wir um Volksmusik-Veranstaltungen einen großen Bogen. Und wo die 10 Millionen PUR und Helene Fischer Fans sind, weiß man nur vom Hörensagen. An Fasching sind die alle auf der Straße. ALLE. Natürlich verkleidet und damit unerkannt. Und so wird ein Schuh draus.

Zu trinken gibt es sündhaft teures, dafür gleichermaßen schales Bier mit Plastik-Geschmack aus eben diesen Bechern, die beim Zahnarzt am Rande des Spuckbeckens stehen.

Um für das schale Bier eine fettige und gehaltvolle Grundlage zu schaffen, sind da diese undefinierbaren Gebäck-Verbrechen, die sich Faschings-Krapfen nennen. Ja, mehr Fasching geht tatsächlich nicht. Auf Krapfen gehört Puderzucker. Innen rein Aprikosen-Marmelade. Punkt.
Eilerlikör-Creme, Liebesperlen, Waldmeister-Glasur und lustige Smarties-Gesichter gehören maximal auf Kindergeburtstagskuchen. Aber: Fasching ist ja auch so etwas wie Kindergeburtstag. Für Erwachsene. Die sich noch einmal jung fühlen wollen.

Fasching ist für mich ein Phänomen der Flucht. Menschen wollen für einen Tag Spaß haben. Jemand anderes sein. Etwas anderes tun. Aus ihrem frustrierenden, eintönigen Leben fliehen. Auf den Putz hauen.
Aber ist es nicht traurig, wenn das nur in Verkleidung, sozusagen inkognito gelingt. Für nur einen von 365 Tagen?

Wenn es darum geht, gut gelaunt zu sein und Spaß zu haben: Hab ich. Jeden Tag. Nur nicht an Fasching. Denn da werde ich gesellschaftlich dazu angehalten, jemand anderes zu sein.

Hin und zurück bergauf.

Kleidertauschparty. Das Prinzip ist einfach: man schleppt Kleidungsstücke, die nicht mehr benötigt oder angezogen werden, aber gut erhalten sind, hin und darf sich im Gegenzug etwas aussuchen, was andere Teilnehmer nicht mehr brauchen. Der Rest wir für einen guten Zweck gespendet. So hat jeder seinen alten Krempel los, etwas hübsches „Neues“ und es bleibt auch noch etwas übrig für die, die es weniger gut getroffen haben. Vielleicht.

Eine tolle Gelegenheit, um meinen Flohmarktfundus zu reduzieren. Über die Jahre sammelt sich dann doch eine Menge „zieh ich vielleicht mal wieder an“ oder „passt aber gut zur Jeans“ an, das dann doch ganz hinten im Schrank versauert. Ich persönlich hab’s gern übersichtlich im Schrank. Zu viel Zeug schafft dieses „ich hab nix zum Anziehen“-Gefühl, weil man vor lauter Bäumen den Wald oder vor lauter T-Shirts das Outfit nicht mehr sieht.

Noch fix eine liebe Freundin aufgesammelt und mit 3 Taschen und einer Kiste voll Klamotten stehen wir vor der „Kleiderabgabe“. Mit einem Stempel werden wir berechtigt, in den Tauschraum zu gehen. Herrjeh. Keine gute Idee. Wildgewordene Menschen, und eine Atmosphäre wie beim Bäcker kurz nach dem Krieg schlägt uns entgegen. Ein bisschen wie Zombieland. Leider real.
Meine Uroma erzählte früher diese Geschichten. Ihr kennt das sicher auch. Mein Opa musste 10 Kilometer zur Schule gehen. Über die Jahre würden aus den 10 Kilometern in Fünferschritten 30, er mussten noch seine kleine Schwester im Leiterwagen mitnehmen, es lag das ganze Jahr Schnee. Es mussten 10 Kilo Bücher in einer Ledertasche mit ungepolsterten Riemen geschleppt werden. Es ging hin und zurück bergauf. Und natürlich „hat man damals nix g’habt“ und musste barfuss gehen. Jede Geschichte hat einen wahren Kern, aber über die Jahre verklären sich die Erinnerungen. Manches wird schöner, vieles schlimmer. Und früher war alles besser oder wir wissen wahlweise gar nicht, wie schön wir es haben. Auch das hat einen wahren Kern.

In diesem Fall ist es die Geschichte, wie das wohl gewesen sein muss, wenn es endlich einmal ein Brot zu kaufen gab. Damals nach dem Krieg. Und nein, ich will die Not der Menschen nicht schmälern, wenn es um’s nackte Überleben geht, ist ein Ellenbogenverhalten nachvollziehbar. Wenn eine Mutter verzweifelt versucht, ihre sechs Kinder über den Winter zu bringen.
Aber: wir sind mitten in der Wohlstandsgesellschaft auf einer Klamotten-Tauschparty? Ellenbogen hier. Bodycheck da. Alles wird durcheinander gewühlt, den anderen förmlich aus den Händen gerissen und eingehamstert als gäbe es kein Morgen. Und vor allem, als gäbe es in der ganzen Stadt keine Läden, keinen Flohmarkt und bisher mussten alle nackt rumlaufen. Bei Minus 30 Grad. Auf ihrem 20 Kilometer Fußweg zur Arbeit. Hin und zurück bergauf….
Ein Mitarbeiter der Veranstaltung bring einen neuen Korb mit Sachen, die abgeben wurden. Wir beobachten belustigt, wie alle drauf losgehen. Kennen wir gut, wenn die Katzen morgens völlig verhungert auf’s Futter stürzen…. Den armen Mitarbeiter hört man unter der Masse stöhnen: „jetzt lassen Sie mich doch erst mal ausleeren…“

Zu Hause angekommen warten die Katzen folgsam in der Tür bis das Essen bereit steht. Jeder nimmt nur seins. Ohne Drängeln, ohne Schubsen und ohne Futterneid. Das gibt mir zu denken.