Von Skiunterwäsche und Waldmeister-Krapfen

Fasching. Noch so ein Ding.
Früher nannte man das Brot und Spiele. Heute wohl „1, 2, 3, Gute Laune“. Mir persönlich erschließt sich nicht so ganz, warum.
Warum muss ich mich in grässliche Klamotten wickeln, mir das Gesicht bunt anmalen und mir eine doofe Perücke aufziehen, um gute Laune zu haben?
Ganz im Gegenteil: Wenn ich das alles mache und DANN immer noch gute Laune habe, handelt es sich tatsächlich um einen gigantisch guten Tag. Vielleicht einen dieser Ausnahme-Tage, an denen ich sogar Clowns leiden mag.

Zu Fasching geht es zu wie zu einer explosiven Mischung aus Oktoberfest und Ballermann mit einer Prise Junggesellenabschied (zur Gleichberechtigung: Junggesellinnenabschied). Nur ist in der Regel die Witterung etwas ungemütlicher. Heisst: Unter die grässlichen Klamotten noch eine Schicht Skiunterwäsche – ich vergaß, die ist vom Après-Ski in Moritz noch übrig, dient da allerdings einem artverwandten Zweck. Wer die Unterwäsche vom letzten Skiausflug noch nicht gewaschen hat, kann alternativ eines dieser Plüsch-Kostüme anziehen. Für das Tragen dieser Kostüme gibt es von großen Fast-Food-Ketten an normalen Tagen den Mindestlohn, damit man sich mit Flyern wedelnd von Kinder umschubsen und von Erwachsenen belächeln lässt. Keiner will diesen Job. Aber zu Fasching! Zu Fasching tun die Menschen das freiwillig, ganz ohne Lohn. Und sind dazu auch noch fürchterlich krampfhaft witzig.

Um die Witzigkeit weiter zu steigern und den Getränkekonsum anzuheizen, gibt es schunkel-taugliche Musik. Gepaart mit platten Witzen aus dem Karnevals-Handbuch, die unter 2 Promille Zahnschmerzen verursachen. Von Bühnen oder gerne auch von Partywagen. In der Regel machen wir um Volksmusik-Veranstaltungen einen großen Bogen. Und wo die 10 Millionen PUR und Helene Fischer Fans sind, weiß man nur vom Hörensagen. An Fasching sind die alle auf der Straße. ALLE. Natürlich verkleidet und damit unerkannt. Und so wird ein Schuh draus.

Zu trinken gibt es sündhaft teures, dafür gleichermaßen schales Bier mit Plastik-Geschmack aus eben diesen Bechern, die beim Zahnarzt am Rande des Spuckbeckens stehen.

Um für das schale Bier eine fettige und gehaltvolle Grundlage zu schaffen, sind da diese undefinierbaren Gebäck-Verbrechen, die sich Faschings-Krapfen nennen. Ja, mehr Fasching geht tatsächlich nicht. Auf Krapfen gehört Puderzucker. Innen rein Aprikosen-Marmelade. Punkt.
Eilerlikör-Creme, Liebesperlen, Waldmeister-Glasur und lustige Smarties-Gesichter gehören maximal auf Kindergeburtstagskuchen. Aber: Fasching ist ja auch so etwas wie Kindergeburtstag. Für Erwachsene. Die sich noch einmal jung fühlen wollen.

Fasching ist für mich ein Phänomen der Flucht. Menschen wollen für einen Tag Spaß haben. Jemand anderes sein. Etwas anderes tun. Aus ihrem frustrierenden, eintönigen Leben fliehen. Auf den Putz hauen.
Aber ist es nicht traurig, wenn das nur in Verkleidung, sozusagen inkognito gelingt. Für nur einen von 365 Tagen?

Wenn es darum geht, gut gelaunt zu sein und Spaß zu haben: Hab ich. Jeden Tag. Nur nicht an Fasching. Denn da werde ich gesellschaftlich dazu angehalten, jemand anderes zu sein.

Advertisements

Auf Karriere-Diät

Alix Faßmann schreibt im SPIEGEL über ein sehr interessantes Thema: Karriereverweigerung. Dem kann ich in dieser Form nur zustimmen.

Wie genau das mit der Karriere geht: Ich habe das im BWLer oder Heuschreckenumfeld am eigenen Leib gelernt und erfahren. Warum ich BWL studiert habe? Ich wusste es nicht besser. Wie soll man in unserem Bildungssystem, wenn man mit 17 aus der heilen Schulwelt gespuckt wird, wissen, was diese Pläne im dicken grünen Studienverzeichnis mit der Realität zu tun haben?
Wenn ich nur vorher gewusst hätte, was hinterher auf mich zukommt …
Heute glaube ich allerdings, es ist gar nicht so verkehrt, die „Wissenschaften der wirtschaftlichen Mächte“ zu kennen und letztendlich zu wissen, wie dieser Hokus-Pokus funktioniert.

Aber zurück zum Konstrukt Karriere: Wir verkleiden uns mit teuren Anzügen (vorzugsweise Dolce oder maßgeschneidert für die Herren oder Strenesse für die Dame), hängen uns ein Prada-Täschchen um, stecken uns eine Gucci-Sonnenbrille ins Haar (die niemals die Sonne sieht) und dann: Arbeiten wir wie die Stiere (um der Gleichstellung Tribut zu zollen: Wie die Kühe). 60 Stunden und mehr die Woche. Bei Vertrauensarbeitszeit. Mit der hübschen Formulierung „Mehrarbeit, sowie Sonn- und Feiertagsarbeit ist mit dem Gehalt abgegolten“ im Arbeitsvertrag. Für das große Ziel: Die Karriere.
Schon im BWL-Studium wird uns eingeimpft: Wer nicht Unternehmensberater wird, hat verloren. Berater sein heißt: Ebenfalls das teure Kostümchen tragen, dabei aber mindestens 4 Tage die Woche aus einem kleinen handgepäcktauglichen Trolley leben und in teuren Hotels einchecken, in denen wir sowieso nicht zum Schlafen kommen. Denn ganz unten auf der Karriereleiter malen wir Power-Point Folien. Ganze Berge davon. Ständig wieder neue. Damit die, die weiter oben auf der Leiter sitzen, diese dann präsentieren können.
Dazu trinken wir haufenweise Espresso, denn Milchkaffe ist etwas für Sekretärinnen. Die haben dafür Zeit. Falls wir doch einmal schlafen wollen und gegen 22 Uhr früher gehen, haben wir ein Ersatz-Sakko in der Schublade, das wir an der Stuhllehne hängen lassen. Das Zeichen für: „ich bin gleich wieder da.“ Selbstverständlich tragen wir sogar auf dem Weg zur Toilette immer Berge von Papier oder ein elektronisches Kommunikationsmedium mit uns herum, um beschäftigt zu wirken. Die Schrittgeschwindigkeit darf dabei nie unter 6 km/h liegen.

Aber auch in der „freien Wirtschaft“ (auch so ein schöner BWL-Begriff) gibt es „attraktive Jobs“. Heißt: Wieder das Kostümchen anziehen und mindestens 60 Stunden die Woche rackern. Der Tisch wird immer voller. Und eigentlich haben wir gar keine Zeit, etwas sinnvolles zu arbeiten, denn wir sollen ja Karriere machen. Einfach nur arbeiten? Das ist zu wenig. Von den frischen, bissigen Einsteigern wird Dynamik und Engagement erwartet.
Heißt: Politik. Sich positionieren. Beim Vorstand. Besser als die Kollegen, damit wir auch berücksichtigt werden, wenn neue Visitenkarten gedruckt werden.
Der Lohn: schicke Titel auf kleinen Papierkärtchen, damit man aus dem Visitenkarten-Quartett auf gähnend-langweiligen Abendveranstaltungen als Sieger hervorgeht. Ein Parkplatz weiter vorne in der Tiefgarage. Ein Eckbüro mit 2 (!) Fenstern. Vielleicht sogar ein Firmenwagen.
Für mich gleich zwei Probleme in einem: Ich arbeite für ein Unternehmen, dem ich egal bin und bekomme dafür Dinge, die mir egal sind.

Das ganze Geld, dass es für den Job gibt, können wir sowieso nicht für uns ausgeben. Wenn wir zu Hause sind, müssen wir dringend schlafen und die Läden haben zu. Urlaub? Wann denn?  – Mit Freunden ausgehen? Mit wem denn? Die letzten realen Freunde haben sich vor 2 Jahren verabschiedet, weil sie Phantom-Freunde, die immer arbeiten, leid sind.
Der Verdienst geht für sinnlose Dinge drauf: Sündhaft teure Lebensmittel, weil der Laden am Flughafen oft der einzige ist, den wir bei Ladenöffnungszeiten erwischen. Reinigung, weil wir keine Zeit haben, Wäsche zu waschen und Hemden zu bügeln. Für Kosmetikanwendungen, um die Augenringe aus dem Gesicht zu bekommen. Schließlich verlangt der Dresscode nicht nur das teure Kostüm, sondern auch ein „gepflegtes Äußeres“.

Irgendwann stellte ich mir die Frage: Warum eigentlich? Kein Mensch wird mir für diesen Irrsinn ein Denkmal setzen. Und selbst wenn: Was hilft mir ein Bronze-Abdruck meiner selbst, der irgendwo in der Landschaft steht?

Seither hab ich meine BWLer-Karriere gegen eine Lebens-Karriere eingetauscht und meine Armbanduhr abgenommen. Ich mache nun Dinge, die mir persönlich am Herzen liegen und sinnvoll erscheinen. Für Leser und  Kunden, die meine Arbeit zu schätzen wissen. Und ich habe es noch keine Sekunde bereut.