Kleine Scheibchen Leben

Es ist die Zeit der Rückblicke. Alle Welt blickt zurück. Auf ein Jahr. 12 Monate. 365 Tage Leben.
Ein Großteil der Rückblicke ziehen ein ernüchterndes Fazit. Freude macht sich breit, dass es rum ist mit 2014. Gepaart mit der Hoffnung, dass es in 2015 besser, anders und schöner wird.
Kein neues Phänomen. Schon vor 12, 24 und 48 Monaten bot sich das gleiche Bild.
Ich frage mich tatsächlich: was genau soll sich morgen ändern? Und warum ist genau heute ein Tag, an dem Altes abgeschlossen und Neues begonnen werden soll?

Wollen wir unser Leben tatsächlich von einem mathematischen Konstrukt abhängig machen? Einer 8-stelligen Konstruktion mit zwei Punkten dazwischen, deren 8. Stelle für die nächsten 365 kleinen Lebensscheibchen sich nun ändert?
Bilden wir uns tatsächlich ein, dass diese kleine Veränderung eines Gradmessers für unsere Lebenseinheiten auch nur irgendetwas ändert, nur weil wir darauf warten und eine Uhr anstarren?

Es wäre doch viel schöner, wenn wir unser Leben gleich in die Hand nehmen. Immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass etwas nicht passt. Wer oder was zwingt uns, auf die erneute Veränderung der 8. Stelle zu warten?

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Zeit der Stille

Zeit der Stille – so heisst es. Wenn das Stille ist, dann will ich Laut nicht erleben.
Kaum öffnen sich die Türchen des Adventskalenders, verschließen sich die Menschen. Werden unfreundlicher. Rücksichtsloser. Aufgebrachter.
Hektik in den Straßen, niemand kann mehr Auto fahren, alle hetzen von Geschäft zu Geschäft, um schnell noch irgendetwas zu besorgen, irgendetwas zu erledigen.

Überall in der Stadt Weihnachtsmärkte mit Boxen aus denen „Stille Nacht“ scheppert. Fast schon schöne Ironie. Natürlich überfüllt mit Menschen. Menschen, die aus Tassen, die man sonst nur mit Hygienehandschuhen anfassen würde, völlig überteuerten und überzuckerten, lauwarmen Glühwein trinken. Für die gute Stimmung und das richtige Gefühl.

Wo wir schon beim Thema Gefühl sind. Das Fest der Liebe. Durchaus. Niemals herrscht in Haushalten mehr Gefühl, als an Weihnachten. Die ganze Palette gibt es da komprimiert zu erleben.
Aus gesicherter Quelle wurde mir zugetragen, dass die Rate der Stichverletzungen durch Messer, die in die Notaufnahme kommen, niemals höher ist als an den Weihnachtsfeiertagen. Schnittverletzungen. Die wären zu erklären. So drastisch muss es nicht gleich enden, aber es ist kaum verwunderlich, dass sich diese ganze Anspannung, Hektik und Raserei irgendwann entladen muss. Wenn dann 3 bis 10 Familienmitglieder, die sich in der Regel nie alle auf einmal sehen, feststellen, dass es auf dem Höhepunkt des Weihnachts-Count-Downs nichts mehr gibt das vorgeschoben werden kann, nicht mit dem Rest der Familie zu reden.
Schließlich ist es jetzt still. Endlich. Am 24.12. um 16 Uhr am Kaffeetisch. Ruhe. Bis der erste den Mund aufmacht. Auf diesen Moment haben alle gewartet.  Ganz egal, welchen Funken dieser eine, unvorsichtige Mensch in das Familienpulverfass wirft, es geht los.

Sohn:“ was gibt’s denn heut‘ zum Essen?“
Mutter: „Werst dann scho segn. Isst ja eh wieder koana wos vor lauter Platzerl. Den ganz’n Tag steh‘ i scho‘ in da Küch‘.“
Vater: „I hob da ja glei g’sagt, Würschtl reichen….“
Mutter: „hauptsach Wurscht…. an Weihnachten. Soweit kimmt’s no.“

Besinnliche Stille.

Tocher: „Ich geh‘ ins Bad….“
Vater: „A nix – schee gnuag bist. Hilfst besser da Mama!“
Mutter: „Na de brauch‘ i in da Küch ned a no …“

Weniger besinnliche Stille.

Vater: „Ich fahr dann los und hol‘ die Omma ab.“
Mutter: „Des konnst scho macha, aber dann feier‘ i des Jahr in der Garage, des sog i da.“
Sohn: „Ich fahr‘ mit….“

Nur noch Stille. Vielleicht endlich.

Supermarktdialoge

Supermarktkasse. Eine ältere Dame steht mit ihren potenziellen Gütern auf dem Fließband in der Warteschlange. Vor ihrem Kundentrenner – ein herrliches Wort für diese fiesen, abgegriffenen, Plastikdreiecke, um sein jeweiliges Warenrevier abzuzäunen – eine weitere Anhäufung von Gütern, jedoch ohne ihren zukünftigen Besitzer.

Dieser kommt jedoch schon quer durch den Supermarkt angehechtet, quetscht sich unsanft an der Schlage und der älteren Dame vorbei und wirft mit einer ausladend-liebevollen Bewegung zwei Schoko-Adventskalender auf seinen Güterberg.

Der Kunde ist dunkelhaarig, unrasiert und nicht sonderlich adrett gekleidet. Wahrscheinlich reichte auch die Zeit für eine Dusche heute nicht. Was schon einmal passieren kann, wenn man am 2. Dezember aufwacht und keinen Adventskalender hat.

Das Aussehen des künftigen Adventskalender-Besitzer verleitete die ältere Dame offensichtlich jedoch zu folgendem Statement: „Koa Gick und koa Gack, aber umanand hauen! Ollesamt kehrn’s z’ruck, wo´s herkimma!“ – womit sie wohl ausdrücken wollte, dass es dem Herrn an Höflickeit mangele und er doch bitte in seine Heimat zurückkehren möge. Die Antwort: „I mog ned zruck noch Schwabing… überall san Baustellen!“