Die achte tote Oma

Der Termin ist verabredet. Ich habe ein Studio reserviert, Helfer bestellt, alle Accessoires besorgt und mir Gedanken um ein Konzept gemacht. Stehe Punkt 15 Uhr vorm Studio. Und dann stirbt die Oma. Wie so oft. Fast tut es mir Leid, wie viele Omas täglich sterben müssen, um sich aus Terminen rauszureden. Es gibt tatsächlich Notfälle, Unfälle und unschöne Zwischenfälle. Und ein Todesfall in der Familie ist so einer und damit ist nicht zu spaßen. In diesem Fall habe ich jegliches Verständnis und der oder die Betroffene mein herzlichstes und aufrichtiges Beileid. Wenn aber bei einigen Leuten zum achten Mal die Oma das zeitliche segnet, empfinde ich das mehr als dreist und auch tatsächlich ein wenig feige. Denn wäre es nicht viel ehrlicher einfach anzurufen und zu sagen: „Hey, ich hab heute keinen Bock?“ oder „Ich hab eine tolle neue Option, wie ich heute meine Zeit verbringe?“ oder auch „Ach weisst Du, ich bin grad einfach zu faul um rauszugehen?“ Das würde allerdings einiges an Mut erfordern und vielleicht sogar an der eigenen Glaubwürdigkeit oder Zuverlässigkeit kratzen. Die tote Oma erfüllt hingegen ganz viele Funktionen auf einmal. Denn plötzlich ist derjenige, der versetzt wird in der Situation, jegliches Verständnis aufzubringen und sich nicht mehr ärgern zu dürfen. Nein, er muss sogar noch Beileid zollen (was im Falle einer tatsächlich verstorbenen Oma absolut selbstverständlich ist). Zudem ist man mit einer toten Oma fein raus, weil mal ja „ach so gerne gekommen wäre, nun aber durch höhere Mächte verhindert“ ist. Die tote Oma ist absolut unantastbar und es kann auch nicht passieren, dass einem der Organisator vielleicht sogar noch entgegen kommt und einen späteren oder einen Ersatz-Termin anbietet. Man ist raus. Sofort. Und man kann sich sicher sein, dass niemand enttäuscht oder böse ist und unangenehme Frage nach dem Warum stellt. Oder sogar noch ein Ausfall-Honorar fordert. Denn das wäre pietätlos. Schließlich ist man mit der toten Oma ja schon belastet genug. Allerdings empfinde ich es persönlich als pietätlos, die eigene Feigheit oder Unzulänglichkeit hinter dem fiktiven Tod eines geliebten Menschen zu verstecken, denn auch in modernen Patchwork-Familien ist das Kontingent an Omas irgendwann erschöpft.

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