Momente des Glücks

Heute sah ich zwei kleine Jungs – vielleicht sechs oder sieben Jahre alt – die über Stunden auf dem Parkplatz gegenüber mit ihren Skateboards immer wieder den gleichen Move übten. Wie besessen. Und nach drei Stunden lief es plötzlich und die Jungs platzten fast vor Stolz. Lachten, feierten sich und klatschten sich immer wieder ab. So viel Glück auf einmal tat fast weh zu sehen.

Glück = Realität – Erwartungen – las ich heute in einem Artikel über unsere unzufriedene Generation. Ein sehr interessanter Artikel in der Welt übrigens. Sind wir also glücklich, wenn wir möglichst viel Realität haben und möglichst wenig erwarten? Würde bedeuten: wenn mir alles egal ist bin ich maximal glücklich, weil mir einfach jede Situation, die kommt, irgendwie besser vorkommt als ich nicht erwartet habe? Oft kommt es mir so vor, dass viele nach diesem Motto leben.
Ich glaube nach wie vor: wir sind dann glücklich, wenn wir aus eigener Kraft heraus etwas geschafft oder erreicht haben. Nicht unerheblich dabei: die Rückmeldung von Menschen, die uns etwas bedeuten.

Früher haben wir für einen Moment des großen Glücks jahrelang in unserem Zimmer gezeichnet, draussen getanzt oder wie irre ein Instrument geübt. Nach zwei Jahren haben wir uns vielleicht getraut unseren Freunden, Geschwistern oder Eltern etwas zu zeigen oder vorzuspielen, ob das „was ist“. Dabei hatten wir eine wahnsinnige Mischung aus Aufregung, Freude und Angst im Bauch, dass es vielleicht peinlich werden könnte. Denn unserer Freunde, Geschwister oder Eltern waren einfach knallhart. Da konnte es schon mal sein, dass mit einem lapidaren: „das ist Scheisse, lass das mal lieber“ zwei Jahre Arbeit einfach zerplatzten. Ging diese erste Runde irgendwie glimpflich aus, haben wir uns nach weiteren Jahren vielleicht getraut, unser Können einem etwas größeren Publikum zu präsentieren. Schließlich wollten wir ja nicht die ganze Welt mit Dilettantismus langweilen. Und ja, früher konnte man sich tatsächlich noch blamieren.

Heute läuft das anders. Jeder der eine Textzeile auswendig kann, ist Superstar. Jeder der auf einer Treppe sitzen oder drei Meter grade aus gehen kann, ist Model. Ein Kugelschreiber und ein Block? Zack – Künstler. Sündhaft teures Rennrad gekauft und schon Tour-de-France-Siger. Innerlich. Irgendwie ist jeder berühmt. Und kaum noch jemand wird von echten Freunden mit „lass mal lieber“ konfrontiert. Die Social Media-Gemeinde findest alles super. Und das führt dazu, dass kaum noch jemand irgendetwas richtig gut kann und wir tagein tagaus mit Blödsinn und Mittelmäßigkeit überflutet werden. Denn warum sich anstrengen, wenn man auch für Mittelmäßigkeit gefeiert wird?

Das traurige daran: Menschen mit großen Talenten verschwinden irgendwo zwischen 100.000 Stunden Schwachsinn auf YouTube. Wenn er aber tatsächlich gefunden wird, der wahre Künstler, der noch jahrelang geübt hat und sich zig Mal von seinen Freunden abwatschen ließ, hat es sich für ihn gelohnt. Auch wenn Menschen dieser Art dramatisch mehr Realität schaffen müssen um nach Abzug ihrer eigenen Erwartungen echtes Glück zu finden: dieser eine Moment des echten Glücks ist unbezahlbar.

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Veröffentlicht in Leben

Ein Gedanke zu “Momente des Glücks

  1. Mittelmäßigkeit. Genau mein Thema heute hinsichtlich einer meiner Studentengruppen. Wieso studiert man Mittelmäßigkeit?! Weil man keine Träume hat, die man verwirklichen will, keine Ziele, die man knacken kann. Stattdessen wird man lieber Lehrer. Und darin wahrscheinlich schlecht. ( … Ich sollte aufhören, mich aufzuregen, wie man ja auch an meinem letzten Blogeintrag sah, aber dein Artikel passte gerade so gut. Denn echtes Glück werden meine halbherzigen Lehramtsstudenten wahrscheinlich nicht finden.)

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