Quotenfrau

Frauenquote, Männerquote – ich frage mich: warum?

Warum sollen Frauen in Vorstandsgremien sitzen, wenn sie das vielleicht gar nicht wollen? Warum muss alles irgendwie gesetzlich geregelt werden? Viele Frauen entscheiden sich an irgendeinem Punkt gegen den Vorstand und für die Familie oder umgekehrt. Beides geht eben nicht. In der Regel haben wir die Wahl. In modernen Zeiten der Verhütung und der freien Berufs- und Bildungswahl können wir doch werden was wir wollen?
Aber Vorstands-Mama oder „Einfach nur Vorstand, weil ich eine Frau bin“ ist beides nicht ratsam. In beiden Fällen würde zwar der Gesetzeshüter Hurra schreien, die Kollegen das aber alles andere als lustig finden. Wir mochten es doch schon als Kinder nicht, wenn Papa bestimmte, dass die Vanessa (Tochter des Geschäftsfreundes) jetzt bei uns mitspielen darf. Freunde kraft Ansage. Das funktioniert nicht. Und qualifiziert kraft Ansage funktioniert eben genausowenig.
Eigentlich ganz einfache zwischenmenschliche Zusammenhänge.
So wie es realistisch nicht funktioniert, gleichzeitig Drummer und Gitarrist zu sein. In einer Band. Zur gleichen Zeit. Warum werten wir das eine auf und das andere ab? Es wird doch niemand zu irgendetwas gezwungen?
Und nein, wenn ich mich entscheide, einen Hund zu haben, kann ich zwei Wochen später nicht einfach ohne diesen Hund 3 Wochen wegfahren. Dafür gibt es auch keine Urlaubsquote, die für alle gleichermaßen gilt.

Ich persönlich finde: Frauenquoten schaden. Denn sie machen uns kleiner. Sie klingen fast so, als bräuchten wir diese Quote, weil wir es alleine nicht hinkriegen. Dann soll Papa Staat den bösen Männern sagen, dass sie uns mitspielen lassen sollen.
Na, vielen Dank. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es mit den Kollegen so läuft, wenn ich da als Quotenfrau sitze. Und selbst wenn ich es aus eigener Anstrengung geschafft habe, einen wichtigen Job zu haben, werden mir ganz viele das Quotenglück unterstellen, weil Papa Staat das jetzt ja bestimmt.
Mal ganz ehrlich: Das brauchen wir nicht.

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Die achte tote Oma

Der Termin ist verabredet. Ich habe ein Studio reserviert, Helfer bestellt, alle Accessoires besorgt und mir Gedanken um ein Konzept gemacht. Stehe Punkt 15 Uhr vorm Studio. Und dann stirbt die Oma. Wie so oft. Fast tut es mir Leid, wie viele Omas täglich sterben müssen, um sich aus Terminen rauszureden. Es gibt tatsächlich Notfälle, Unfälle und unschöne Zwischenfälle. Und ein Todesfall in der Familie ist so einer und damit ist nicht zu spaßen. In diesem Fall habe ich jegliches Verständnis und der oder die Betroffene mein herzlichstes und aufrichtiges Beileid. Wenn aber bei einigen Leuten zum achten Mal die Oma das zeitliche segnet, empfinde ich das mehr als dreist und auch tatsächlich ein wenig feige. Denn wäre es nicht viel ehrlicher einfach anzurufen und zu sagen: „Hey, ich hab heute keinen Bock?“ oder „Ich hab eine tolle neue Option, wie ich heute meine Zeit verbringe?“ oder auch „Ach weisst Du, ich bin grad einfach zu faul um rauszugehen?“ Das würde allerdings einiges an Mut erfordern und vielleicht sogar an der eigenen Glaubwürdigkeit oder Zuverlässigkeit kratzen. Die tote Oma erfüllt hingegen ganz viele Funktionen auf einmal. Denn plötzlich ist derjenige, der versetzt wird in der Situation, jegliches Verständnis aufzubringen und sich nicht mehr ärgern zu dürfen. Nein, er muss sogar noch Beileid zollen (was im Falle einer tatsächlich verstorbenen Oma absolut selbstverständlich ist). Zudem ist man mit einer toten Oma fein raus, weil mal ja „ach so gerne gekommen wäre, nun aber durch höhere Mächte verhindert“ ist. Die tote Oma ist absolut unantastbar und es kann auch nicht passieren, dass einem der Organisator vielleicht sogar noch entgegen kommt und einen späteren oder einen Ersatz-Termin anbietet. Man ist raus. Sofort. Und man kann sich sicher sein, dass niemand enttäuscht oder böse ist und unangenehme Frage nach dem Warum stellt. Oder sogar noch ein Ausfall-Honorar fordert. Denn das wäre pietätlos. Schließlich ist man mit der toten Oma ja schon belastet genug. Allerdings empfinde ich es persönlich als pietätlos, die eigene Feigheit oder Unzulänglichkeit hinter dem fiktiven Tod eines geliebten Menschen zu verstecken, denn auch in modernen Patchwork-Familien ist das Kontingent an Omas irgendwann erschöpft.

Blaue Doppelhäkchen und andere Katastrophen

Blaue Doppelhäkchen – voher waren sie grün. Derzeit in aller Munde, weil What’s App nun anzeigt, ob die Nachricht gelesen wurde, die wir losgeschickt haben. Gelesen ist relativ. Die Häkchen sagen nur: die Nachricht wurde auf irgendeinem Endgerät angezeigt. Ob die Augen tatsächlich auf dem Gerät waren, ob die Nachricht nur überflogen, gelesen, für später hinterlegt oder tatsächlich verstanden wurde? Ganz egal.

Blaue Häkchen kann allerdings bedeuten: „Ha, sie hat’s gesehen und antwortet nicht!“ Das birgt ein riesiges Potenzial an Gründen für Zickigkeit und interhumanitäre Dramen, falls wir uns welche konstruieren wollen. Denn es kann eine Menge hineininterpretiert werden, in diese Häkchen, die sich blau färben aber eine sofortige Antwort missen lassen. Ist sie sauer? Ignoriert sie mich? Vielleicht hat sie was besseres zu tun? Ich bin ihr vielleicht gar nicht Wert, dass sie sich mit mir befasst? Hach, fast mag ich sie, die blauen Häkchen und ihre Macht.

Was mir daran schleierhaft bleibt: warum regen wir uns auf, wenn unsere Nachrichten gelesen werden oder noch schlimmer, wenn angezeigt wird, ob wir eine Nachricht einer anderen Person gesehen haben? Kommunizieren wir nicht deshalb, dass unsere Nachrichten irgendwen erreichen?
Was uns diese blauen Häkchen allerdings tatsächlich nehmen ist eine Option auf eine Ausrede: Für den Fall, dass wir einfach so tun wollen, als hätten wir die Nachricht niemals gesehen.

Aus meiner Sicht ist das Problem tatsächlich keines. Denn: In einer realen Unterhaltung kommt die Nachricht in der Regel ja auch an, sobald sie ausgesprochen wurde. Ohne Häkchen. Und es ist uns jederzeit freigestellt, eine Antwort zu geben.
Schlimmer ist doch tatsächlich die Erwartungshaltung die hinter diesen blauen Häkchen steht. Dass unser Gegenüber zu jederzeit erwartet, dass wir zusammen mit oder ohne blaue Häkchen sofort eine irgendwie geartete Reaktion senden. Ganz egal ob wir gerade essen, in der Badewanne liegen, mit dem Bus fahren, etwas arbeiten oder uns mit anderen Menschen unterhalten.

Mir persönlich sind blaue, grüne oder gelbe Häkchen egal. Ich lese meine Nachrichten, wenn ich Zeit dafür und Lust darauf habe und mit Antworten halte ich es genauso. Es ist in der Regel so, dass meine blauen Häkchen ohne sofortige Antwort keine Ignoranz bedeuten. Sondern Respekt. Weil ich eben nicht zwischen zwei Bushaltestellen oder zwei Pfannkuchen eine lapidare Antwort zurückschicken will, sondern mir in manchen Fällen Zeit für die Antwort nehmen möchte.
Oder ich rufe sogar an. Was leider die Häkchen nicht umfärbt. Aber das kommt sicherlich noch.

Momente des Glücks

Heute sah ich zwei kleine Jungs – vielleicht sechs oder sieben Jahre alt – die über Stunden auf dem Parkplatz gegenüber mit ihren Skateboards immer wieder den gleichen Move übten. Wie besessen. Und nach drei Stunden lief es plötzlich und die Jungs platzten fast vor Stolz. Lachten, feierten sich und klatschten sich immer wieder ab. So viel Glück auf einmal tat fast weh zu sehen.

Glück = Realität – Erwartungen – las ich heute in einem Artikel über unsere unzufriedene Generation. Ein sehr interessanter Artikel in der Welt übrigens. Sind wir also glücklich, wenn wir möglichst viel Realität haben und möglichst wenig erwarten? Würde bedeuten: wenn mir alles egal ist bin ich maximal glücklich, weil mir einfach jede Situation, die kommt, irgendwie besser vorkommt als ich nicht erwartet habe? Oft kommt es mir so vor, dass viele nach diesem Motto leben.
Ich glaube nach wie vor: wir sind dann glücklich, wenn wir aus eigener Kraft heraus etwas geschafft oder erreicht haben. Nicht unerheblich dabei: die Rückmeldung von Menschen, die uns etwas bedeuten.

Früher haben wir für einen Moment des großen Glücks jahrelang in unserem Zimmer gezeichnet, draussen getanzt oder wie irre ein Instrument geübt. Nach zwei Jahren haben wir uns vielleicht getraut unseren Freunden, Geschwistern oder Eltern etwas zu zeigen oder vorzuspielen, ob das „was ist“. Dabei hatten wir eine wahnsinnige Mischung aus Aufregung, Freude und Angst im Bauch, dass es vielleicht peinlich werden könnte. Denn unserer Freunde, Geschwister oder Eltern waren einfach knallhart. Da konnte es schon mal sein, dass mit einem lapidaren: „das ist Scheisse, lass das mal lieber“ zwei Jahre Arbeit einfach zerplatzten. Ging diese erste Runde irgendwie glimpflich aus, haben wir uns nach weiteren Jahren vielleicht getraut, unser Können einem etwas größeren Publikum zu präsentieren. Schließlich wollten wir ja nicht die ganze Welt mit Dilettantismus langweilen. Und ja, früher konnte man sich tatsächlich noch blamieren.

Heute läuft das anders. Jeder der eine Textzeile auswendig kann, ist Superstar. Jeder der auf einer Treppe sitzen oder drei Meter grade aus gehen kann, ist Model. Ein Kugelschreiber und ein Block? Zack – Künstler. Sündhaft teures Rennrad gekauft und schon Tour-de-France-Siger. Innerlich. Irgendwie ist jeder berühmt. Und kaum noch jemand wird von echten Freunden mit „lass mal lieber“ konfrontiert. Die Social Media-Gemeinde findest alles super. Und das führt dazu, dass kaum noch jemand irgendetwas richtig gut kann und wir tagein tagaus mit Blödsinn und Mittelmäßigkeit überflutet werden. Denn warum sich anstrengen, wenn man auch für Mittelmäßigkeit gefeiert wird?

Das traurige daran: Menschen mit großen Talenten verschwinden irgendwo zwischen 100.000 Stunden Schwachsinn auf YouTube. Wenn er aber tatsächlich gefunden wird, der wahre Künstler, der noch jahrelang geübt hat und sich zig Mal von seinen Freunden abwatschen ließ, hat es sich für ihn gelohnt. Auch wenn Menschen dieser Art dramatisch mehr Realität schaffen müssen um nach Abzug ihrer eigenen Erwartungen echtes Glück zu finden: dieser eine Moment des echten Glücks ist unbezahlbar.