Nachbarschaftspolizei

Früher gab es sie noch. Diese Nachbarn, die vozugsweise im Hochparterre wohnten und auf ihrer Fensterbank zur Straße hin ein Kissen fest installiert hatten. Damit die Ellenbogen nicht schmerzten, wenn die tägliche Nachbarschafts- und Straßenbeobachtung anstand. Nachbarn, die einfach alles wussten. Die wussten, dass Frau Meier Rückenschmerzen hat. Dass Herr Huber aus dem zweiten Stock befördert wurde. Dass die Müllers im Hinterhaus schon wieder Nachwuchs erwarten. Diese Nachbarn passten auf, dass jeder auf seinem Parkplatz parkte und dass Fremdparker gar nicht erst auftraten.
Die Mülltonnen waren nie überfüllt und der Müll ordnungsgemäß getrennt. Denn auch nur einen Fitzel Papier in die Biotonne zu werfen – undenkbar. Die Nachbarschaftspolizei war sofort zur Stelle. Und natürlich wurden dann auch alle anderen Nachbarn informiert, wer der Müllsünder war.
Die Fahrräder standen in Reih und Glied. Wurde eines über zwei Wochen nicht bewegt wurde der Besitzer sofort darauf hingewiesen, seinen Metallschrott aus dem Fahrradständer zu entfernen. Schließlich hätte ja jeder Bewohner nur einen Platz.
Diese Nachbarn waren aber auch sofort zur Stelle, wenn Blumen gegossen oder Haustiere gefüttert oder Handwerker hereingelassen werden mussten. Sie hatten sowieso von allen im Haus einen Ersatzschlüssel, denn ein Schlüsseldienst wäre ja überflüssig und sowieso viel zu teuer. Als Entschädigung für die temporäre Versorgung von Haustieren oder Blumen nahmen wir stillschweigend in Kauf, dass unsere Bankunterlagen durchgesehen und unser Haushaltsbuch auf Fehler überprüft wurde. Auch der obligatorische Blick in die Wäscheschränke hatte offiziell nie stattgefunden.
Diese Nachbarn organisierten unser ganzes Zusammenleben, fungierten als Poststelle, Zugangskontrolle, Parkwächter, Schlüsseldienst und Concierge. Auch wenn wir es so wirklich gar nicht ahnten und es noch weniger wahrhaben wollten.

Heute gibt es diese Spezies Nachbarn nur noch selten. Man geht schweigend im Flur aneinader vorbei. Vielleicht gibt es noch ein kurzes Nicken oder ein wohlwollendes Brummeln. Im Briefkatsen häufen sich die Paketkarten. Für jeden Handwerker ist ein Tag Urlaub fällig und wenn wir uns aussperren, schlagen 500 Euro Schlüsseldienst mit Nachtzuschlag zu Buche (tagsüber sperrt man sich ja nie aus). Die Mülltonnen quellen über – schon einen Tag nach Abholung und jeder parkt einfach irgendwo.
Ab und zu vermisse ich dann doch meine Frau Krapf, die oft schon morgens um sieben aus ihrem Fenster brüllte „Wo wollen’S denn hin?“ – „zur Uni?“ – „In dem windigen Jackerl? Nehmen’S bloß was warms mit, Sie holen sich ja an Tod! Und stellen’S nächstes Mal Ihr Radl ordentlicher hin!“

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Veröffentlicht in Leben

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