Von Null auf Fame in Lichtgeschwindigkeit.

Keine naturgewaltige Schönheit ist sie. Aber freundlich und sympathisch. Dennoch und daher scheint es möglich, mit ein wenig Live-Retusche (sprich Make-up), der richtigen Perspektive und einer Prise Photoshop ein paar vorzeigbare Bilder zu zaubern. Ein netter Styling-Nachmittag mit der Möglichkeit, die Ergebnisse photographisch festzuhalten – da wäre schon machbar, denke ich mir. Zumal ich ja auch nur dann eine Kamera in die Hand nehme, wenn ich Lust drauf habe und niemals behaupten würde, ich wäre Photographin. Ich kann eine Kamera halten, die richtigen Knöpfe drücken und – in diesem Zusammenhang gar nicht unwichtig – Menschen ganz fein stylen. Wenn ich Glück habe, werden die Bilder schön. Wenn nicht, eben nicht. Schließlich geht es ja vor allem darum, ein bisschen etwas über Make-up und Haare zu lernen. Aber die Dame hatte so freundlich gefragt. Mit Hallo und Auf Wiedersehen und ob ich wohl auch von ihr einmal schöne Bilder mit gutem Make-up machen könne? Sie hätte da keine Erfahrung und würde das gerne ausprobieren. Warum auch nicht?

Der Termin soll in 14 Tagen stattfinden. Währenddessen geschieht Sonderbares. Die Dame sieht sich in Fotografen und Model-Gruppen auf Facebook um. Postet ein paar Handybilder von sich (nein, immer noch nicht naturgewaltig schön). Und dem alten Grundsatz „gleich und gleich gesellt sich gern“ folgend, finden sich auch schneller als gedacht ein paar mehr oder meist weniger begabte Hobby-Knipser, die der Dame den Hof machen. Und wie sie sich ins Zeug legen. Frischfleisch auf dem Markt, da heisst es ranhalten. Da werden aus Kuh- schnell mal Rehaugen und aus eben ein paar Haaren eine „wow, was für eine Mähne“. Ein Arm auf dem Geländer wird zum „Mega-Posing“. Schließlich will man der erste sein, vor dem sich die Dame das Höschen vom Leib reisst. Auf dem Profil der Dame häufen sind unter- bis mittelklassige Fotos. Natürlich aus „Shootings“ mit den oben genannten Herren. Niemals sind das einfach nur Bilder im Park, die auch die Freundin mit einem soliden Smartphone hätte schießen können. Wahrscheinlich wäre dann sogar der Gesichtsausdruck weniger verkrampft. Aber nein: Ein Outdoor-Shooting war das. Die neuen Hobby-Knipser-Bekanntschaften gehen in die zweite Runde und in die Vollen: Ganz egal ob die Perspektive die Nase riesig erscheinen lässt, die Stirn glänzt oder das Make-up bestenfalls mit dem Dampfstrahler aufgetragen wurde. Ob die Klamotte völlig unvorteilhaft ist oder auch die „Location“ einfach nicht zur Stimmung passt: „Mega“, „super“, „sexy“, „extraklasse“ sieht das aus.

Bei der Dame ist es mehr als plötzlich vorbei mit der Freundlichkeit und den guten Manieren. Schließlich ist das nun nicht mehr notwendig. 14 Tage später erwartet mich zum vereinbarten Termin eine Zicke der Extraklasse. Eine, die ins Studio rauscht, als wäre sie Cindy Crawford (und selbst die rauscht nicht ins Studio. Wie man aus Berichten hört, soll Mrs. Crawford äusserst umgänglich sein.). Eine, die am Make-up herumnörgelt, aber dennoch keine Antwort gibt auf die Frage, ob sie sich mit offenen oder hochgesteckten Haaren wohler fühlt. Eine die auf meine Frage, welches Outfit sie für die Bilder dabei hat, sagt: ich dachte Du bringst mir was mit? Eine, die in der Kulisse steht wie ein nasser Sack, aber erwartet, dass sie hofiert wird. Eine die wie selbstverständliche die Requisite einpackt. Eine, die kein Bitte, kein Danke und kein gar nichts mehr kennt. Leider gibt es hier wieder eine Art Sozilisationsgefälle und ich bin zu freundlich, um das ganze abzubrechen. Auch wenn mich weder ein Vertrag noch eine Gage dazu zwingen würden, ein Feuerwerk aufzuführen. Leider hat meine Oma mir beigebracht: Versprochenes wird gehalten. 20 Minuten nach Verlassen des Studios schon die erste SMS: „Wo bleiben jetzt die bearbeiteten Bilder?“

Von der charmanten Person zur Megazicke in 2 Wochen? Auch wenn uns physikalische Gesetze eines besseren belehren wollen und der Meinung sind, träge Masse könne nicht so ohne Weiteres auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigen – manche Charaktere sind hier fast chamäleonartig flink. Es scheint ganz egal, wie lange wir sozialisiert und gut erzogen werden. Setzt erst mal der von zweifelhaften „Supportern“ geschürte „Fame“ ein, ist es oft schnell vorbei mit den guten Manieren.

Fast tut mir das ein bisschen Leid und erinnert mich gleichzeitig ein wenig an meine Kindheit, als ich versuchen sollte, Geige zu spielen. Mir liefen beim Üben selbst die Tränen über das Gesicht, weil es so schräg klang. Dennoch sagte meine Oma: „Kind, irgendwann spielst Du im Staatsorchester! Ganz prima machst Du das.“ Nun gut, ich war ein Kind. Sie war meine Oma. Und ich hatte glücklicherweise genug Reflexionsvermögen und spiele heute nicht im Staatsorchester. Wer weiß, was passiert wäre, wenn es mehr Omas gegeben hätte? So wie heute Hobby-Knipser? Dann wäre das Staatsorchester der Neuzeit wahrscheinlich ein wahrer Graus. Zum Glück hat es die Natur so eingerichtet, dass wir in der Regel maximal zwei Omas haben.

Ich für meinen Teil gehe jetzt seltener ins Studio und dafür wieder öfter ins Staatsorchester.

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