Einschaltquote um jeden Preis. Um Jeden.

Eine Anfrage. Vom Fernsehen. Natürlich mit der Selbstverständlichkeit und der Großmut in der Stimme, die mich sofort ausflippen lassen soll und nur noch den „Komm ich jetzt ins Fernsehen?“-Gedanken zulassen darf. Ich bin auserwählt und wäre die „erste Frau im Format“. Das wäre die Gelegenheit ganz groß rauszukommen!
Ein gruseliges Sonntagabendformat für den Verdummungskanal RTL soll es werden. In gleicher Reihe mit „Schwiegertochter gesucht“ und „Bauer sucht Frau“. Beste Sendezeit, versteht sich. Will heissen, Menschen, die nichts mit ihrem Sonntagabend anzufangen wissen, würden mir zusehen. So 3 bis 5 Millionen könnten das schon sein. Was mich nachhaltig entsetzt. Alles.

Es wird noch lustiger. Sie wollen zuerst in meinem Zuhause drehen, mich vorstellen und mein tolles Leben filmen. Ob sie dazu schicke Möbel anliefern, mich in ein Penthouse stecken oder was auch immer tun, damit das alles fernsehtauglich „toll“ wird, bleibt vage. Mir wird lediglich gesagt, dass mir natürlich mit Kleidung und Ausstattung geholfen wird, falls ich nicht das „passende“ anzubieten hätte. Selbstverständlich entscheide nicht ich über „passend“.
Aber: Mit dem „tollen Leben“ allein könne ich dem Format nicht dienen, daher ist der Plan, mich anschließend umzustylen. Einen, Zitat: „Normalo aus der Unterschicht“ aus mir zu machen. (Ich gebe zu: Dieser Bruchteil der Geschichte reizt mich tatsächlich ein bisschen. Zu gern würde ich erfahren, was sich RTL unter „Normalo aus der Unterschicht“ vorstellt und wie die mich zurichten, damit der Zuschauer mich als „normal“ einordnen soll.)

Dann würde ich – dem Storyboard folgend – das echte Leben kennen lernen. Rausgehen. Wow. Natürlich ganz unauffällig mit 2 Kameraleuten, einem RTL-Bus und einer Redakteurin, die aufpasst, dass ich nur das Ausgemachte und Gescriptete sage, im Schlepptau. Mit einem Vertrag würde ganz genau festgelegt, dass ich „entmündigt“ werde und nur das sagen dürfe, was im Drehbuch steht – da dürfte ich im Vorfeld natürlich mitreden (aber selbstverständlich nichts entscheiden).
Ich solle hilfsbedürftige Menschen am, Zitat: „Rande der Gesellschaft“ kennen lernen und mit, Zitat: „diesen (!) Leuten in Kontakt kommen und sehen wie die (!) so leben und wie viel Elend es da gibt“. (An diesem Punkt des Gespräches bin ich eigentlich schon über dem Punkt zu schreien oder spontan aufzulegen. Aber ich will die ganze Geschichte hören.)
Weiter im Script: Das „Leben der Leuten am untersten Rand der Gesellschaft“ solle mir die Augen öffnen und ich würde dann geläutert von der „Realität da draußen“ spenden. Aus meinem Privatvermögen. Natürlich stöckelte mein Fernseh-Ich anschließend in den geliehenen High-Heels zurück in mein geliehenes Fernseh-Penthouse. Wo Fernseh-Ich auf der geliehenen Designer-Couch weiter über das „Elend“ nachdenken und bei einer Tasse Kapselkaffee mit Schaum drüber philosophieren würde, wie schlimm das alles gewesen sei. (Meine Vermutung: in der Werbepause wird noch fix der Hersteller der Fernsehcouch und der Kapsel-Kaffee beworben.)

Spenden finde ich toll. Mit anderen teilen auch. Privatvermögen habe ich keines (schlecht recherchiert, RTL), aber ich versuche immer dann etwas abzugeben, wenn etwas übrig bleibt. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Warum zur Hölle ich mich dafür umstylen muss und eine Kamera in der Fresse (Entschuldigung für den Ausdruck) haben soll? Keine Ahnung. Ach ja, sonst wissen die 3 bis 5 Millionen nicht, was sie am Sonntagabend machen sollen.

Liebes RTL: Euer Format ist in so vielen Dimensionen grausam, weltfremd und abwertend, dass es mir tatsächlich eine Woche lang die Sprache verschlagen hat, bevor ich diesen Blogbeitrag schreiben konnte.
Ihr geht mit einem gecasteten, umgestylten Darsteller, der das reiche, schöne und tolle Leben verkörpern soll, los. Hier läuft schon einiges (eigentlich alles) falsch. Das tolle Leben über Geld, Protz und Glamour zu definieren hat null Vorbildfunktion und entbehrt aus meiner Wahrnehmung auch jeglicher Realität. Dann geht ihr in Einrichtungen, die Menschen vorbehalten sind, die irgendwo in ihrem Leben einmal nicht so viel Glück hatten. Orte, die für die Menschen ein Refugium der Sicherheit sein sollen. Das letzte bisschen Sicherheit, das vielen in ihrer aktuellen Situation noch geblieben ist. Die den Menschen Schutz und Nahrung für ihr Selbstvertrauen bieten sollen, damit sie die Kraft finden, wieder auf die Beine zu kommen. Einrichtungen, die Menschen, die einmal auf die Nase gefallen sind und versuchen, wieder aufzustehen, unter die Arme greifen. Dort wollt ihr mit einem Kamerateam einbrechen (genau das ist es!) und das – in Eurer Definition – Elend filmen. Während ein gecastetes Fernseh-Ich den Star mimt. Mir tut das in der Seele weh und macht mich gleichzeitig nahezu sprachlos vor Wut. Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, für die Quote auszunutzen und vorzuführen wie die Affen im Zoo.
Aus privaten Gesprächen in vielen Einrichtungen weiß ich: Kaum einer, der auf die Tafel angewiesen ist oder in ein Sozialkaufhaus oder eine Suppenküche geht, tut dies mit hoch erhobenem Haupt oder vielleicht sogar weil es „praktisch“ ist. Viele Menschen schämen sich sehr dafür, dass sie das Angebot in Anspruch nehmen müssen und das wirklich Letzte, was sie brauchen ist eine Kamera und 3 bis 5 Millionen Paar Augen, die sich an ihrer Not ergötzen.
Unsere Aufgabe wäre es doch, hier Barrieren abzubauen und ein Klima zu schaffen, in dem es akzeptiert wird und als völlig normal gilt, dass man eben auch mal Hilfe braucht.

Aber soweit noch nicht genug. Ihr wollt nun auch noch, dass gönnerhaft vor laufenden Kameras Almosen gegeben werden, um die Schere zwischen den Gesellschaftsschichten und das Gefälle von Respekt und Menschenachtung noch weiter auszudenen. Und das Ziel ist nicht, dass die sozialen Einrichtungen Unterstützung erfahren. Das könnte man auch ganz einfach mit einer Überweisung oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit tun. Ohne Huibuh und Kamera. Einfach so. Ärmel hoch krempeln und los! Damit kann man sofort anfangen. Überall!
Nein, es geht darum, dass irgendein konstruierter neureicher Schnösel als der tolle Ritter oder die gute Fee platziert werden soll.
Reduziert auf das Wesentliche: Der „reiche Darsteller“ kauft sich auf Kosten der Gesellschaft 45 Minuten Werbesendung für’s Ego.

Fein gemacht und nichts, aber auch gar nichts gekonnt, RTL!!!
Mein Vorschlag: Stellt Euch einen versierten, vernünftigen Journalisten ein, der sein Handwerk kann. Nutzt Eure Reichweite und dreht eine solide Reportage über soziale Einrichtungen. Redet mit den Leuten und versteht, warum in unserem verkorksten politischen System viele Menschen über Nacht in soziale Notlagen geraten. Sprecht mit Menschen in sozialen Berufen, die sich für einen Hungerlohn dafür aber mit einer gehörigen Portion Enthusiasmus Tag für Tag krumm legen und nahezu Unmenschliches leisten. Lernt Eure Mitmenschen kennen. Und zeigt Euren Zuschauern, wie sie ihren Sonntagabend sinnvoll nutzen, die Ärmel hoch krempeln und sich für unsere Gesellschaft einsetzen können.
Aber fragt mich bitte nie mehr, ob ich mein Leben umstylen lassen will, um Eure Quote nach oben zu treiben.

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