Der Moment, wenn Geld nicht alles ist

Eine Hochzeit. Nicht irgendeine, sondern eine dieser Sorte, auf der gezeigt wird, was man hat.
Kommentar des (vor der Vermählung weniger betuchten) Bräutigams zu späterer Stunde: „Ich fühle mich wie auf einer Marketing-Veranstaltung.“ Das fasst es ganz wunderbar zusammen.

Die Location: nicht irgendeine. Tegernsee muss es sein. Ein 5 Sterne Hotel dient als Residenz. Später wird man dann hoch über dem See feiern. Gediegen. Nicht dass über irgendjemanden später irgendetwas gesagt werden könnte. Eigentlich geht es eher darum, die perfekten Fotos für’s Album zu haben. Drei wuselige Fotografen wurden dafür engagiert.
Mein Job: die Braut aufhübschen. Daher darf ich dem Spektakel schon ab 9 Uhr beiwohnen. Nicht dass ich nicht gerne Bräute zurecht mache. In der Regel ein formidabler Job. Umgeben von so viel Glück, Liebe und nervöser Vorfreude. Das meine ich durchaus ernst. Eine (glückliche) Braut kurz vor dem Jawort 90 Minuten im Innersten kennen zu lernen ist wunderschön.

Also packe ich in der Hochzeitssuite meine Utensilien aus. Tonnenweise Haarnadeln. Wasserfeste Wimperntusche. Die Braut stürmt hektisch ins Zimmer. In 3-Minuten-Intervallen zwischen Telefonaten & hektischem hin- und herlaufen, mehr Telefonaten & mehr Hektik und noch mehr Telefonaten & noch mehr Hektik seitens der Braut versuche ich mich in einer spektakulären Hochsteckfrisur mit Schleier und darin, zwei gleiche Augen zu schminken.
Das läuft soweit gut, ich bin abgehärtet. Bis die Brautjungfern auf die Bühne kommen. Bussi, Bussi, Hektik & Telefonate. Armefuchteln, Gequieke und wahnsinnig viel aufgesetzte Freude. Und wie sehr sie der Braut den Ehemann gönnen und sich mit ihr freuen. Es ist fast nicht auszuhalten!
Nach geglückter Frisur und Make-up sitzen die Damen beim Champagner. „Die Visagistin“ (einen Namen bekomme ich nicht) darf auch ein Gläschen haben. Schließlich sieht die Braut jetzt fantastisch aus.

Brautjungfer A: „Stellt Euch das vor, da hat mir mein Mann doch einen Boxter zum Geburtstag geschenkt. Mit Schleife. Der Schlüssel lag einfach auf meinem Bett. Wie süüüüüüüß von ihm.“
Brautjungfer B: „Und mein Mann, meiner führte mich in den Bayrischen Hof zum Brunch und hat mir diesen 10.000 Euro Diamanten gekauft! Ist er nicht toll?“ (Ob der Mann oder der Diamantring gemeint ist, bleibt im Dunkel.)
Brautjungfer A: „Zuckersüß. Er ist wunderbar!“ (Immer noch nicht klar, ob Mann oder Ring.)
Brautjungfer C: „Also ich hatte mir ja diese Hermès-Tasche gewünscht. Ihr wisst schon. Und was kauft er mir zu Weihnachten? Die TASCHE!“
Szenenapplaus und Gejuchze von allen.
Brautjungfer D: „Meinem Schatzi ist es auch wichtig, dass ich immer gut aussehe. Darum darf ich zum Shoppen auch jederzeit seine Kreditkarten verwenden. Ohne Limit natürlich. Unmöglich, wenn ich immer das gleiche trage.“
Brautjungfer B: „Und Du?“
Alle Köpfe wenden sich in meine Richtung.
Meine Antwort: „Mein Mann liebt mich.“

Stille.

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Das dumme Kind.

„Das Kind ist hinterher.“ War das zentrale Thema einer abendfüllenden Unterhaltung der „besseren Gesellschaft“. Am Tisch: 4 Karriere-Frauen. Und ich. Wie auch immer ich dahin geraten war. Nun war ich eben hier.
Nicht, dass ich mich nicht zu den Karriere-Frauen zählen würde – denn ich bin durchaus höchst zufrieden mit meiner Entwicklung – aber Ihr könnt Euch bildlich vorstellen, welchen Typus ich meine. Frauen, die alles unter einen Hut bringen. Gutes (nun ja, gehobenes) Elternhaus, das man auch gerne mit sündhaft teurer Klamotte zum Ausdruck bringt, die leider mindestens 10 Jahre älter macht, dafür aber kleine Krokodile, YSL’s oder Polospieler aufgestickt hat. Da ist es auch völlig egal, ob pink und lila dem eigenen Teint schmeichelt. Viel wichtiger ist die Hey-ich-kann’s-mir-leisten-Aussage.
Dazu ein Mann. Nicht zwingend ein liebenswerter, bodenständiger und einfühlsamer Kerl mit ähnlichen Interessen, dafür aber einer mit Status und Geld. Und einem Job auf der Visitenkarte, der in der Damenrunde beim „Wer-bin-ich-und-was-hab-ich-Quartett“ sticht. (Kennt Ihr noch dieses Autoquartett? Daran fühle ich mich in solchen Runden immer erinnert.)
Unternehmensberater sticht Assistenzarzt. Patentanwalt sticht Ingenieur. Und Tiffany-Klunker sticht Verlobungsring aus dem Kaugummiautomaten. Natürlich.
Nun ist es an der Zeit, dass die Dame neben dem Studium an der Privatuni und ersten Erfolgen im Job auch ein Kind mit in den Ring wirft. Denn die guten Gene müssen weitergegeben werden. Und es gibt ein Familienmitglied mehr, für das man viel Geld für Klamotten und Equipment ausgeben und das man später auch im Quartett zücken kann.

Das akute Problem allerdings nun: „Das Kind ist hinterher.“ Denn es kann mit 14 Monaten nicht laufen. Ein Drama. Alle am Tisch sind schockiert. Wie kann das sein? Bei zwei dermaßen intelligenten Eltern? Und der frühkindlichen Sprachförderung durch die japanische Nanny? Sie waren doch auch immer beim Babyschwimmen und überhaupt? Und jetzt stellt Euch das vor: wie peinlich. Das einzige Kind in der Krippe das noch nicht laufen kann. Dabei hat man alles erdenkliche getan?
Der zugehörige Unternehmensberater-Vater hat einen Vaterschaftstest angeordnet. Denn es kann wohl nicht sein, dass „das dumme Kind“ seinem Gen-Material entstammt.

Ich finde: es ist ein sehr schlaues Kind. Ich würde auch einfach liegen bleiben. So lange, bis mich alle so behandeln wie ich eben bin: Ein Baby mit 14 Monaten. Und vor allem, bis vielleicht jemand erkennt, dass ich ein bisschen Nähe, Liebe und Zuneigung viel dringender brauche, als einen Strampler mit aufgesticktem Krokodil, Ralph Lauren Schuhe (ich kann sowieso nicht laufen… ) und frühkindliche Förderung.
Lafen kann ich später immer noch.