Ritterliche Komplimente

Manchmal sind kleine Kinder mit iher unbefangenen Ehrlichkeit einfach zum Schmelzen. Eine Szene aus der Kindertagesstätte. Die kleinen Jungs spielen Ritter. 3 bis 5 jährige, bewaffnet mit Sandschaufeln und Ästen sitzen im Kreis und beraten, wie sie den Feind ausschalten können.

Junge 1: Wir müssen sie bestrafen….
Alle: jaaaaaa
Junge 2: … wir jagen sie und sperren sie ein ….
Junge 3: … dann werden sie gefoltert.
Junge 1: Aber sie bekommen dann auch Mittagessen.
Junge 2: aber erst, erst jagen wie sie und nehmen sie gefangen.
Junge 4 (springt auf und schwingt die Sandschaufel): Und. Und dann komm ich! Dann komm ich und beschütze das schöne Mädchen!
Junge 1: Welches?
Junge 5: ja die. Die hast Du noch nicht gesehen. Die wohnt da oben. Das blonde Mädchen.

Mir schmilzt augenblicklich das Herz, als der kleine 4-jährige ankündigt, mich beschützen zu wollen. Er hat in seinem Alter wohl schon verstanden, dass in Kinderbüchern immer derjenige der Held ist, der die Prinzessin rettet. Die Ritter, die die Schlacht schlagen, sind zwar dabei, werden später aber nicht weiter erwähnt.

Ist diese kindlich-naive Art nicht etwas, was wir uns alle behalten sollten? Sollten wir nicht denjenigen, die uns im Weg sind, die wir am liebsten einsperren wollten, wären wir in der Ritterzeit, ein Mittagessen anbieten?
Sollten wir nicht viel öfter aus einer kindlichen Sicht auf die Dinge sehen? Ohne die ganzen Gedanken und Hintergedanken. Ohne den Einfluss schlechter Erfahrungen? Wäre es nicht manchmal herrlich befreiend, jede Situation anzusehen, als sähen wir sie das erste Mal?

 

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Versicherungsverbrecher

Ein Freund sagte letztens: „Ich hab früher mal Verbrecher bei der XY Versicherung gelernt.“ Die ganze Runde lachte herzlich darüber. Aber mir scheint, das ist tatsächlich noch harmlos ausgedrückt. Seinen Nachsatz: „Ich musste da gleich nach der Ausbildung dringend weg.“ will ich an dieser Stelle zur Ehrenrettung nicht unterschlagen.
Bei einer  repräsentativen Umfrage nach den unbeliebtesten Berufsvertretern in Deutschland übrigens antworteten geschlagene 45% mit „Versicherungsvertreter“. Die Vermutung der Befragten: „sie tricksen und quatschen ihren Kunden etwas auf.“
Nach einer erneuten Erfahrung am eigenen Leib würde ich in diesem Satz das Wort „Kunde“ gerne in „Zielobjekt“ tauschen.

Immer wieder läuft mir diese Spezies von Mensch über den Weg. Und: ich mag sie einfach nicht.

Letztens brauchte ich eine Krankenversicherung. Ich mag keine Versicherungen und halte diesen Bereich so schlank wie möglich. Eine Krankenversicherung allerdings ist zuallererst einmal Pflicht und auch relativ sinnvoll. Denn es wäre schon fein, wenn irgendjemand die Behandlungskosten übernimmt, falls ich mir einmal wieder am Küchenschrank ein Loch in den Kopf schlage.
Nachdem es keiner Versicherungsgesellschaft möglich ist, ihre Bedingungen einfach und klar auszudrücken und auch alle untereinander nicht die gleiche Logik verwenden, ist es nahezu unmöglich, sich selbst ein Bild zu machen, welche Versicherung was leistet, was kostet und vor allem was sie nicht leistet.
Es gibt lustige kleine Randbemerkungen im Kleingedruckten wie „ambulante Krankenhausversorgung wird nicht übernommen.“ heisst im Klartext: wenn ich mir Sonntags beim Gurkenschneiden den Finger absäbel, muss ich alle entstehenden Kosten selbst zahlen, sollte das Krankenhaus mich nicht über Nacht da behalten sondern einfach meinen Finger wieder annähen. Oder ich stecke den Finger ins Eisfach und gehe Montag morgen zu meinem Hausarzt.
Auch schön: „Hilfsmittel sind ausgeschlossen.“ Klar brauche ich heute keinen Rollstuhl. Aber vielleicht brauche ich mit 80 nach meiner Hüft-OP Krücken? Oder sonstige teure Gerätschaften, die ich mir von meiner kleinen oder wahrscheinlich nicht mehr vorhandenen Rente nicht leisten kann.
Was mir besonders gefallen hat: „Zahnersatz: es werden höchstens 6 Zähen übernommen.“ Oben steht aber dicke: „Wir übernehmen 80% aller zahnärztlichen und kieferorthopädischen Behandlungen.“ Fein. 2 Schneide- und 4 Backenzähne sollten im Alter ja auch völlig ausreichen.
Das alles wird im Kleingedruckten auf mindestens 12 Seiten in Schriftgröße 6pt versteckt. Wohlweislich. Denn wenn es dabei stehen würde, würde diese Versicherung niemand unterschreiben. Schließlich geht ein normaler Mensch davon aus: Krankenversicherung = Versicherung, dass jemand im Falle von Unfall oder Krankheit die Kosten übernimmt. Wenn sie das nicht tut ist es sinnvoller, die Beiträge anzulegen und zu hoffen, dass nichts so gravierendes passiert. Dann hat man wenigstens ein bisschen was gespart, wenn die Versicherung nicht zahlt.

Aber zurück zum VV (ich nenne ihn VV, der geneigte Leser kann zwischen VersicherungVertreter und VersicherungVerbrecher nach eigenem Empfinden wählen), den ich aufsuchen musste, weil ich im ganzen Kleingedruckten nahezu verrückt wurde und zudem keine Lust mehr hatte, im Selbststudium ebenfalls VV zu werden. Der VV versprach im Vorfeld: „unabhängige Beratung und Vergleich aller Versicherungen in Deutschland“. Soweit so gut. Erschien mir sinnvoll. Am Ende der Befragung kamen die Tarife dreier Gesellschaften in Frage, die mir der VV wärmstens ans Herz legte.

Irgendwie hatte ich ein seltsames Gefühl. Also recherchierte ich nach.
Was mir zuerst auffiel: solide Versicherungen (so z.B. die Debeka – das ist KEINE Werbung nur ein Ergebnis meiner Nachforschungen) sind in den Vergleichen nicht aufgeführt, da diese nicht über VV’s vertreiben. Sie haben das schlicht nicht nötig.
Dies wiederum macht aus Versprechen 1 des VV’s „Vergleich aller Versicherungen“ bestenfalls einen Werbegag und schlimmstenfalls eine handfeste Lüge.

Was mich aber nachhaltig wütend macht: mir wurden drei Gesellschaften mit jeweils einem Tarif angeboten. Als der optimale, für mich beste, kostengünstigste und leistungsstärkste Versicherer der genau MEINEN Bedürfnissen entspräche. Und: nein. Diese drei Gesellschaften entsprechen zufälligst alle genau den Bedürfnissen des VV’s. Denn: nach intensiver Recherche durfte ich feststellen, dass genau diese drei Gesellschaften in diesem Jahr bis zu 10 Monatsbeiträge an Provision an die VV’s ausschütten. Üblich sind 4 bis 6. Nur zur Orientierung: wir sprechen von 2.000 bis 3.000 Euro „üblicherweise“ für ein Gespräch und ein paar Zettel.
Natürlich ist es für mich in Ordnung, wenn jemand für eine gute (!) Beratung bezahlt wird, dennoch wage hier also die These aufzustellen: auch Punkt 2 des Versprechens („unabhängig bla bla“) kann als Modifikation der Wahrheit bezeichnet werden. Denn ich bin nicht bereit, an das Blaue vom Himmel zu glauben und mich in einen Tarif quatschen zu lassen nur damit sich der VV die Taschen voll machen kann.

Diese Vertreter unserer Spezies arbeiten täglich daran, dass wir irgendwann niemandem mehr irgend etwas glauben. Und lassen mich wieder wehmütig an den Schröder Andi aus Niederneuching denken.
Ich persönlich werde jetzt einfach bei einer eingesessenen Versicherung anrufen, mir ein Angebot geben lassen und mich selbst beraten. Und sollte ich tatsächlich 3,50 Euro mehr bezahlen, habe ich ja 10 Monatsbeiträge gespart, die das für die nächsten zig Jahre ausgleichen.