Verdummungsprogramm.

Ein Selbstversuch: ich habe eine Stunde ferngesehen. Es gab: „Verdachtsfälle“ – „Im Namen der Gerechtigkeit“ – „Wir kämpfen für Sie!“ – „Shopping Queen“ – „WohnSchnellSchön“ – „Detektive decken auf“ und „Betrugsfälle“. Die letzten 20 Minuten konnte ich zum Glück mit einer Dokumentation auf arte über „Geisterstädte“ überbrücken.

Eine Stunde dachte ich – ist doch gelacht. Normalerweise sehe ich nicht fern. Höchstens einmal die Tagesthemen im Stream oder eine gute Dokumentation. Es ist tatsächlich unerträglich. Und soweit ich weiß, habe ich mir heute noch nicht einmal den schlimmsten Sendermix rausgesucht, denn ich wurde vom „Dschungelcamp“, vom „Bachelor“ und von „Schwiegertochter gesucht“ verschont. Die „Auswanderer“ und „Frauentausch“ nicht zu vergessen.
Nun habe ich tatsächlich Angst. Angst um die Menschheit. Denn es soll Leute geben, die den ganzen Tag vor diesem Verdummungs-Programm sitzen und sich nicht nach 5 Minuten fürchterlich langweilen. Es wird und vorgegaukelt, dass DAS die echte Welt ist. In der Kinder ihre Mütter mit übelsten Wörtern belegen, kein Mensch zur Schule geht, Teenies grundsätzlich schwanger sind. In Erziehungsfragen hilft die Supernanny. Die Schulermittler lösen das Problem, wenn man nicht den kürzesten Mini trägt (mit 12!). Wenn das Geld nicht reicht, kommt Peter Zwegat und biegt das schon wieder hin. Bei Nachbarschaftquerelen (Nachbarn sind grundsätzlich böse) gibt es immer noch Anwälte im Einsatz. Und wenn der Ehemann nicht funktioniert, wie er soll (wahrscheinlich stört er beim Fernsehen), kann man sofort den Privatdetektiv hinterherschicken.
Und das alles in einer Sprache, die mir alle Haare zu Berge stehen lässt. Es scheint so, als hätte es sich das Privatfernsehen zum Ziel gesetzt, den Wortschatz auf  unter 100 Wörter zu reduzieren. Und wenn kein passendes Wort einfallen will, wird es „Alter!“ schon richten. Wahlweise mit „d“ – für mehr Coolness.

In meiner Welt waren kluge (!) Menschen toll und bewundernswert. Leute wie Goethe, DaVinci, Kepler, Newton, Einstein oder Beethoven (eine völlig ungeordnete, unvollständige und beispielhafte Liste) – die hatten wirklich etwas drauf. Menschen, die den Nobelpreis gewannen (nein, nicht für Frieden, sondern für echte Erfindungen) waren fast so etwas wie Halbgötter.
Erste Tendenzen der Verdummung spürte ich schön, als mich während meines Austauschjahres in den USA alle immer als das „Poetry-Girl“ betitelten, weil ich „funny words“ benutzte. Jetzt kann ich mich dafür noch entschuldigen, weil eben mein Schulenglisch oft nur „lustige“ Wörter hergab, um mich auszudrücken. Aber schon damals waren Sätze mit richtiger Grammatik wahnsinnig „Poetry-Style“. Damals habe ich darüber noch geschmunzelt. Nach meiner heutigen Stunde Fernseherfahrung habe ich allerdings das Gefühl, dass wir alle, wenn wir ab und an ein Buch lesen, zu Poetry-Girls und -Guys mutieren. Weil wir Worte kennen, die die Fernsehzuschauer noch nicht einmal aussprechen können.

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