Vergessene Playmobilmännchen.

Kennt Ihr diese Menschen, die immer irgendjemand oder irgendetwas sein wollen, nur nicht sie selbst? Menschen, die in der Kulisse stehen, wie vergessene Playmobilmännchen oder Schauspiel-Laien, die auf die Anweisung des Regisseurs warten? Menschen, die irgendwie nicht ins Bild passen, von sich selbst aber glauben, sie seien das Auge der Mona Lisa? Auf der anderen Seite aber wie ein schlapper Luftballon implodieren, wenn man sie nur ein bisschen anpiekst?

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie viele Menschen es gibt, die sich in feines Tuch wickeln. Darin aber aussehen wie Konfirmanden, denen die Oma den Anzug so gekauft hat, dass er auch später noch passt.

Menschen, die tausende von Euros ausgeben, um dann auszusehen, als wären sie wahlweise Donatella Versaces oder Pricilla Presleys Mumie.

Menschen, die sich eine Rolex ums Handgelenk wickeln, mit dem Porsche-Schlüssel winken und sich die Innentasche des Sakkos mit Tempotaschentüchern ausstopfen, um nach dicker Brieftasche auszusehen.

Menschen, die abscheulich mit ihren Mitarbeitern umgehen, weil in irgendwelchen Management-Büchern geschrieben steht, dass man erst wer ist, wenn man „den harten Hund“ gibt oder die Mitarbeiter „an der kurzen Leine“ hält.

Menschen, die auf High Heels übers Kopfsteinpflaster stolpern, mit einem Rock, der eine Schrittlänge von nicht mehr als 10 cm zulässt und dabei aussehen, als bräuchten sie einen Rollator.

Menschen, die zum Termin bitten und dann hektisch zu spät kommen, dabei show-telefonieren, die Assistentin anschnauben, nicht vorbereitet sind und dann mit den Worten „so, was haben wir?“ den Termin starten, zu dem sie selbst eingeladen haben. Das Ganze soll dann nach Top-Manager aussehen.

Warum ist es so schwer, einfach man selbst zu sein? Echt zu sein?
Irgendetwas anzuziehen, was uns gemütlich ist und in dem wir uns wohlfühlen? Ein Auto zu fahren, das eben fährt?
Andere nicht in Klassen einzuteilen, nicht danach zu beurteilen, wie sie gehen, was sie anhaben, wie sie vortanzen oder wie dick die Brieftasche ist?
Ich mag Figuren wie Al Pacino. Der im Anzug in seinem Sessel fletzt, als wäre es das Normalste der Welt, einen Anzug zu tragen. Mickey Rourke, dem es einfach egal ist, wie er aussieht, weil es nicht wichtig ist. Keith Richards, der von einer Palme fällt und dabei so tut, als wäre es ein normaler Unfall. Uma Thurman, die ungeschminkt mit Sturmfrisur im Schlafanzug Semmeln kaufen geht und es ihr einfach egal ist, dass Paparazzi um sie herumturnen.
(Nur um ein paar Beispiele zu nennen und es geht nicht um die Prominenz der Figuren.)

Geht es nicht eigentlich um viel mehr, als nur darum mehr Schein als Sein vorzuspielen? Sollten wir nicht einfach die Rolle unseres Lebens spielen? Uns selbst?

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Möchtegernstars

Kennt Ihr auch diese dreisten Menschen? Die ohne jeglichen Anstand ihren eigenen Vorteil durchdrücken wollen und nicht annähernd über so etwas wie emotionale Intelligenz oder Einfühlungsvermögen verfügen?

Nach einen Erlebnis der anderen Art, neige ich schon wieder dazu, in ein “früher war alles besser” und vor allem ein “früher waren WIR besser” zu verfallen.

Meine Eltern haben mir beigebracht, dass es so etwas gibt wie “in der Schuld stehen”. Dass es völlig in Ordnung, ja sogar gut ist, jemanden um einen Gefallen zu bitten. Dass dann aber so etwas entsteht wie eine gefühlte offene Rechnung. Innerlich und nicht ausgesprochen, aber sie ist da. Für mich persönlich ist es Ehrensache, dass ich mich erkenntlich zeige, wenn mir jemand einen Gefallen tut. Schließlich möchte ich meinem Gegenüber mitteilen, dass ich es wertschätze, wenn er oder sie sich für mich einsetzt.
Natürlich kann es auch sein, wie bei jeder Frage, dass der- oder diejenige ablehnt, wenn ich etwas nachfrage.

Ein Dialog:
(zur Ergänzung: ich kenne die Band nicht (wahrscheinlich tut das niemand), ich weiß nicht, ob ich die Musik mag (wahrscheinlich eher nicht) und von den Protagonisten habe ich eine Person in der Vergangenheit kurz kennengelernt. Wir sind also weit weg von “Freundschaftsdienst” oder “mach ich natürlich gerne, für meine guten Freunde, um sie zu unterstützen”.)

Anonymer Kunde: “Du musst für 6 Personen für einen Videodreh unserer Band die Haare machen! Das ganze findet am Ende der Welt am Freitagabend statt.”
Ich: Das kann ich gerne machen. Aber ich hoffe, Ihr versteht, dass ich mit Anfahrt und Material und einem Zeitaufwand von 4 bis 6 Stunden eine kleine Aufwandsentschädigung nehmen muss?
AK: “Das ist uns zu teuer. Du darfst ja auch beim Dreh zuschauen!”
Ich: Entschuldigt, aber unter diesen Voraussetzungen muss ich leider ablehnen.
….. ca. 5 Stunden vergehen
AK: “Schatzi (da war es wieder…. SCHATZI!!), was’n jetzt?”
Ich: Wenn sich an den Rahmenbedingungen nichts geändert hat: leider immer noch nicht.
AK: “Hey, glaubst Du eigentlich, dass wir das jetzt alles absagen, nur weil Du rumzickst?”

(es gibt ca. 1.000 Varianten einer Antwort, die ich alle nicht gegeben habe. Denn es gibt diese Affekt-Momente, die einem später unfassbar Leid tun.)

Ja. wenn das “Rumzicken” ist, dann bin ich tatsächlich zickig. Was für mich so etwas wie eine Premiere ist.
Mir fehlt hier nämlich vor allem eines: Anstand. Bei einem Amateur-Videodreh einer nicht vorhandenen (und vor allem: unfreundlichen!) Band zugucken, ist nicht das, was ich mir unbedingt für einen Freitagabend vorstelle. Wahrscheinlich ist das “unfreundlich” tatsächlich der ausschlaggebende Punkt.
Es geht mir auch nicht darum, in Euro und Cent entlohnt zu werden. Es geht mir vielmehr darum, eine Art Wahrnehmung sehen oder fühlen zu wollen, dass 5 Stunden Styling einen Gegenwert haben. Sonst hätten die Damen und Herren wohl selbst zu Haarbürste und Haarsprayflasche gegriffen. Dieser Gegenwert ist auch wunderbar in Freundlichkeit, Guter Laune, Kirschsaftschorlen, Autowaschgutscheinen, Apfelkuchen oder was auch immer auszugleichen.

Tatsächlich: falls Ozzy Osbourne anfragt, ob ich ihm für’s Konzert die Haare mache, würde ich das umsonst machen, wenn mir angeboten wird, danach das Konzert zu sehen. Aber ich bin mir fast sicher, dass sein Management vorher nach meiner Gage fragen würde. Auf die ich dann selbstverständlich aus freien Stücken verzichten könnte.

Verdummungsprogramm.

Ein Selbstversuch: ich habe eine Stunde ferngesehen. Es gab: „Verdachtsfälle“ – „Im Namen der Gerechtigkeit“ – „Wir kämpfen für Sie!“ – „Shopping Queen“ – „WohnSchnellSchön“ – „Detektive decken auf“ und „Betrugsfälle“. Die letzten 20 Minuten konnte ich zum Glück mit einer Dokumentation auf arte über „Geisterstädte“ überbrücken.

Eine Stunde dachte ich – ist doch gelacht. Normalerweise sehe ich nicht fern. Höchstens einmal die Tagesthemen im Stream oder eine gute Dokumentation. Es ist tatsächlich unerträglich. Und soweit ich weiß, habe ich mir heute noch nicht einmal den schlimmsten Sendermix rausgesucht, denn ich wurde vom „Dschungelcamp“, vom „Bachelor“ und von „Schwiegertochter gesucht“ verschont. Die „Auswanderer“ und „Frauentausch“ nicht zu vergessen.
Nun habe ich tatsächlich Angst. Angst um die Menschheit. Denn es soll Leute geben, die den ganzen Tag vor diesem Verdummungs-Programm sitzen und sich nicht nach 5 Minuten fürchterlich langweilen. Es wird und vorgegaukelt, dass DAS die echte Welt ist. In der Kinder ihre Mütter mit übelsten Wörtern belegen, kein Mensch zur Schule geht, Teenies grundsätzlich schwanger sind. In Erziehungsfragen hilft die Supernanny. Die Schulermittler lösen das Problem, wenn man nicht den kürzesten Mini trägt (mit 12!). Wenn das Geld nicht reicht, kommt Peter Zwegat und biegt das schon wieder hin. Bei Nachbarschaftquerelen (Nachbarn sind grundsätzlich böse) gibt es immer noch Anwälte im Einsatz. Und wenn der Ehemann nicht funktioniert, wie er soll (wahrscheinlich stört er beim Fernsehen), kann man sofort den Privatdetektiv hinterherschicken.
Und das alles in einer Sprache, die mir alle Haare zu Berge stehen lässt. Es scheint so, als hätte es sich das Privatfernsehen zum Ziel gesetzt, den Wortschatz auf  unter 100 Wörter zu reduzieren. Und wenn kein passendes Wort einfallen will, wird es „Alter!“ schon richten. Wahlweise mit „d“ – für mehr Coolness.

In meiner Welt waren kluge (!) Menschen toll und bewundernswert. Leute wie Goethe, DaVinci, Kepler, Newton, Einstein oder Beethoven (eine völlig ungeordnete, unvollständige und beispielhafte Liste) – die hatten wirklich etwas drauf. Menschen, die den Nobelpreis gewannen (nein, nicht für Frieden, sondern für echte Erfindungen) waren fast so etwas wie Halbgötter.
Erste Tendenzen der Verdummung spürte ich schön, als mich während meines Austauschjahres in den USA alle immer als das „Poetry-Girl“ betitelten, weil ich „funny words“ benutzte. Jetzt kann ich mich dafür noch entschuldigen, weil eben mein Schulenglisch oft nur „lustige“ Wörter hergab, um mich auszudrücken. Aber schon damals waren Sätze mit richtiger Grammatik wahnsinnig „Poetry-Style“. Damals habe ich darüber noch geschmunzelt. Nach meiner heutigen Stunde Fernseherfahrung habe ich allerdings das Gefühl, dass wir alle, wenn wir ab und an ein Buch lesen, zu Poetry-Girls und -Guys mutieren. Weil wir Worte kennen, die die Fernsehzuschauer noch nicht einmal aussprechen können.

Versprochen! Oder auch nicht.

Eine Freundin sagte letzten zu mir: „ich erwarte einfach nichts mehr, dann werde ich auch nicht enttäuscht.“ Und ich fing einmal wieder an zu Denken.
Denn diese Aussage hat durchaus zwei Seiten, wie mir scheint.
Die Selbstschutzseite. Die Seite, die uns in eine sicher Welt bringt. Wenn wir einfach nicht erwarten, dass jemand zum Date oder zum Dinner kommt, die versprochene Hilfe leistet oder uns anruft, dann sind wir auch nicht enttäuscht, wenn es nicht passiert. Denn damit haben wir ja gerechnet. Und es kommt noch besser: hält der- oder diejenige das Versprechen doch, freuen wir uns sogar, weil etwas unerwartet positives passiert.
Aber ist es tatsächlich richtig und sinnvoll, in einer pessimistischen Welt zu leben? An nichts und niemanden zu glauben? Und immer nur das Schlechte zu sehen und zu erwarten? Mir gefällt das nicht.

Dann gibt es die Gegenüberseite. Warum gibt es da draussen so viele Menschen, die reden und nicht handeln, die versprechen und nicht einlösen? Die mit den Gefühlen des Gegenüber spielen, wie mit Schachmännchen? Die sich zu keiner Sekunde Gedanken über ihr Handeln machen und sich neimals fragen, was sie bei anderen anrichten? Oder – noch schlimmer – damit zu ihrem eigenen Vorteil kalkulieren, anderen weh zu tun oder sie zu enttäuschen?

Es könnte doch so einfach sein. Denn viel reden ist einfach. Viel versprechen auch. Mit den Einhalten wird es dann schon schwieriger. Aber wie wäre es, wenn wir erst denken und dann versprechen und dann konsequent auch einhalten? Ich komme aus einer Welt, wo es noch ums Wort ging. Wenn jemand sagte „Du hast mein Wort.“ dann war das einem Vertrag gleichzusetzen. Wenn etwas versprochen wurde, wurde es eingehalten. Ohne Wenn und Aber. Und damals hatte man noch ein verdammt schlechtes Gewissen, wenn etwas Unvorhergesehenes passierte und man nicht mehr sicher war, ob man das Versprochene auch halten könne.
Allerdings: Wenn man schon vorher wusste, dass es schwierig werden würde, hat man es eben nicht versprochen. Insofern wurde nicht ganz so viel versprochen, aber umso mehr gehalten.

Vielleicht ist es mit den Versprechen wie mit allem: wenn sie zu inflationär verwendet werden, sind sie nichts mehr wert.