Hin und zurück bergauf.

Kleidertauschparty. Das Prinzip ist einfach: man schleppt Kleidungsstücke, die nicht mehr benötigt oder angezogen werden, aber gut erhalten sind, hin und darf sich im Gegenzug etwas aussuchen, was andere Teilnehmer nicht mehr brauchen. Der Rest wir für einen guten Zweck gespendet. So hat jeder seinen alten Krempel los, etwas hübsches „Neues“ und es bleibt auch noch etwas übrig für die, die es weniger gut getroffen haben. Vielleicht.

Eine tolle Gelegenheit, um meinen Flohmarktfundus zu reduzieren. Über die Jahre sammelt sich dann doch eine Menge „zieh ich vielleicht mal wieder an“ oder „passt aber gut zur Jeans“ an, das dann doch ganz hinten im Schrank versauert. Ich persönlich hab’s gern übersichtlich im Schrank. Zu viel Zeug schafft dieses „ich hab nix zum Anziehen“-Gefühl, weil man vor lauter Bäumen den Wald oder vor lauter T-Shirts das Outfit nicht mehr sieht.

Noch fix eine liebe Freundin aufgesammelt und mit 3 Taschen und einer Kiste voll Klamotten stehen wir vor der „Kleiderabgabe“. Mit einem Stempel werden wir berechtigt, in den Tauschraum zu gehen. Herrjeh. Keine gute Idee. Wildgewordene Menschen, und eine Atmosphäre wie beim Bäcker kurz nach dem Krieg schlägt uns entgegen. Ein bisschen wie Zombieland. Leider real.
Meine Uroma erzählte früher diese Geschichten. Ihr kennt das sicher auch. Mein Opa musste 10 Kilometer zur Schule gehen. Über die Jahre würden aus den 10 Kilometern in Fünferschritten 30, er mussten noch seine kleine Schwester im Leiterwagen mitnehmen, es lag das ganze Jahr Schnee. Es mussten 10 Kilo Bücher in einer Ledertasche mit ungepolsterten Riemen geschleppt werden. Es ging hin und zurück bergauf. Und natürlich „hat man damals nix g’habt“ und musste barfuss gehen. Jede Geschichte hat einen wahren Kern, aber über die Jahre verklären sich die Erinnerungen. Manches wird schöner, vieles schlimmer. Und früher war alles besser oder wir wissen wahlweise gar nicht, wie schön wir es haben. Auch das hat einen wahren Kern.

In diesem Fall ist es die Geschichte, wie das wohl gewesen sein muss, wenn es endlich einmal ein Brot zu kaufen gab. Damals nach dem Krieg. Und nein, ich will die Not der Menschen nicht schmälern, wenn es um’s nackte Überleben geht, ist ein Ellenbogenverhalten nachvollziehbar. Wenn eine Mutter verzweifelt versucht, ihre sechs Kinder über den Winter zu bringen.
Aber: wir sind mitten in der Wohlstandsgesellschaft auf einer Klamotten-Tauschparty? Ellenbogen hier. Bodycheck da. Alles wird durcheinander gewühlt, den anderen förmlich aus den Händen gerissen und eingehamstert als gäbe es kein Morgen. Und vor allem, als gäbe es in der ganzen Stadt keine Läden, keinen Flohmarkt und bisher mussten alle nackt rumlaufen. Bei Minus 30 Grad. Auf ihrem 20 Kilometer Fußweg zur Arbeit. Hin und zurück bergauf….
Ein Mitarbeiter der Veranstaltung bring einen neuen Korb mit Sachen, die abgeben wurden. Wir beobachten belustigt, wie alle drauf losgehen. Kennen wir gut, wenn die Katzen morgens völlig verhungert auf’s Futter stürzen…. Den armen Mitarbeiter hört man unter der Masse stöhnen: „jetzt lassen Sie mich doch erst mal ausleeren…“

Zu Hause angekommen warten die Katzen folgsam in der Tür bis das Essen bereit steht. Jeder nimmt nur seins. Ohne Drängeln, ohne Schubsen und ohne Futterneid. Das gibt mir zu denken.

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