Ich will weder mit Banane noch mit Cordlatzhose ins Netz

Die Huffington Post brachte heute einen sehr interessanten Beitrag von Tobias Schäfer mit dem Titel „Hört auf, Kinderfotos auf Facebook zu stellen!“

Nicht dass ich unmittelbar davon betroffen wäre, ich habe kein Kind. Aber: ich selbst war auch einmal Kind. Und zum Glück gab es da einfach nicht die Möglichkeit, digitale Photos zu machen oder diese im Internet zu verbreiten. Es gab weder Digitalkameras, noch Computer, noch Internet. Lediglich einen Schuhkarton mit vergilbten Bildern, wo ich in beigen Cordlatzhosen im Alter von 4 Jahren neben einem Ford Capri im Sonnenuntergang stehe. Das hat maximal der Schattenmann aus dem Photogeschäft gesehen, der in seiner Dunkelkammer von den ganzen Entwicklerflüssigkeiten sowieso schon nicht mehr zurechnungsfähig war.
Ja, das klingt gruselig alt. Vielleicht aber auch nur weise. Oder nach „Glück gehabt“.

Denn: ich würde es ganz und gar nicht lustig finden, wenn meine Eltern mein ganze Leben im Netz ausgebreitet hätten. Dass ich, bis ich 3 Jahre alt war, kaum Haare auf dem Kopf hatte (was sich jetzt völlig ins Gegenteil umgekehrt hat) und meine Mutter mir immer ein Kopftuch – wahlweise rot mit weissen Punkten oder blau mit gelben Punkten aufsetzte, weil sie sich für ihr glatzköpfiges Kind schämte. Ob ein Kopftuch das besser macht? Ansichtssache meiner Mutter….
Dass ich – so die Vermutung – mit Bananen aufgezogen wurde. Auf jedem zweiten Kinderfoto habe ich zumindest eine in der Hand. Auch hier bin ich froh, dass mir die Zeit den Post „oh wie süß, unsere Kleine liebt Bananen“ erspart hat.
Das sind die harmlosen Dinge. Aber wollen wir tatsächlich alles, wirklich ALLES über unser Leben im Netz finden? Lückenlos. Kommentiert und gefärbt von der Meinung unserer Eltern?

Wie ist es, wenn unsere Eltern vielleicht nicht ganz auf dem richtigen Weg sind und wir auf den Schultern unseres Vaters bei einer zweifelhaften Demo abgelichtet werden und im Netz auftauchen? Können wir das Image später abstreifen, auch wenn wir damals noch nicht selbst entschieden haben, dort Teil zu nehmen?
Wollen wir, dass alle Welt weiß, mit wem wir in Kindertagen befreundet waren oder sind? Oder mit wem wir spielen mussten, weil unsere Eltern befreundet waren?
Wollen wir, dass alle Welt sieht, in welchem Umfeld, mit welchen Möbeln, mit welchen Spielsachen wir aufgewachsen sind und wo wir Urlaub gemacht haben?
Diese Photos lassen für Datensammler mehr Informationen zu, als wir uns vorstellen können. Anhand von 10 Kinderfotos lässt sich ein mehr oder weniger lückenloses Persönlichkeitsprofil erstellen. Willkommen, NSA.

Die, die mit allem konform gehen, haben Glück gehabt. Aber es gibt eben auch Beispiele, wo wir die Themen lieber nicht im Netz gesehen hätten.

Meine Meinung: wir alle haben ein Recht auf Selbstbestimmung und drauf, was aus unserem Leben und von uns selbst wir preisgeben wollen. Und da sollte niemand vorgreifen und uns digital schon einmal auf einen bestimmten Pfad schubsen. Kinder sind Menschen, eigene Persönlichkeiten und kein Eigentum oder Accessoire, das auf sozialen Plattformen zur Schau gestellt werden sollte.

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