Ich bin ja schließlich Model.

Schon wieder dieses Augenzittern. Zickigkeit. Noch so ein Wort. Kennt Ihr diese Menschen, die einfach grundlos nicht nett sind und dazu  an grandioser Selbstüberschätzung leiden? Ja, genau die. Ich möchte jetzt gar kein Urteil über die wirklichen Kapazitäten des Gehirns fällen – das steht mir nicht zu. Aber der nach außen transportierte Intellekt gleicht einer eher älteren Scheibe Brot. Dieses Gebaren kombiniert mit einem Selbstbewusstsein, das nahezu Angst macht, ergibt eine explosive Mischung. Für mich.

Aber von vorne in der Geschichte. Ich bin für einen Visa Job gebucht. Hobby-Fotograf und Möchtegern-Model treffen sich zum Shooting. Mir soweit gleichgültig. Ich darf meine Klamotten ja anbehalten und muss nur die Pinsel und den Lockenstab schwingen, um die Dame ein wenig fotogener zu gestalten. Soweit, so gut. Pünktlich um 11 steh ich – wie vereinbart – vorm Studio. Keiner da. Warum auch? Diesbezüglich ist meine Erwartungshaltung in den letzten Jahren stark gesunken. ich finde es zwar schade, mit der Zeit anderer so großzügig zu sein, das scheint allerdings Schule zu machen.
Um 11.15 biegt der Fotokünstler um die Ecke und ist: freundlich, höflich, so gar nicht egozentrisch und mit Butterbrezeln bewaffnet. In diesem Falle völlig gegen meine jahrelang trainierte Erwartungshaltung, aber angenehm. Die 15 Minuten sind verziehen.

Dann kommt das Model – eine halbe Stunde später (Erwartungshaltung siehe oben). Model?!?? Strähnige, ungewaschene Haare (welche die Drogerie-Färbeversuchen der letzten 6 Monate spiegeln), todmüde und mit den Spuren der letzten drei Tage im Gesicht. Trash. Leider nicht die gute Form davon.
Ich hätte sie nicht erkannt, aber Toni (Name des Fotografen von der Redaktion geändert) meint freudestrahlend: „hi“. Herzlichen Glückwunsch. Das Model (nennen wir sie Susi) schlurft mit der Dynamik eines nassen Handtuchs ins Studio. Ich – nach wie vor energetisch – hinterher.
Am Schminkplatz angekommen nehm‘ ich ihr den Mantel ab und bitte sie, vorm Spiegel Platz zu nehmen. Sie lässt sich – mit elfengleicher Anmut und Grazie – auf den Stuhl fallen. Ob sie denn besondere Wünsche hätte, frag ich sie. „Nö, Dein Job.“. Okay, dann leg ich einfach mal los. Mit einer gratis Kosmetikbehandlung, denn ohne die ist ein Make up gar nicht möglich. Ich habe noch nicht aufgegeben und frage, woher sie denn gekommen sei und ob mit der Anfahrt alles geklappt hätte. „Geht’s Dich was an?“ bekomm ich serviert. Alles klar. Während ich der Dame (?) Augen und Lippen aufmale kaut sie Kaugummi, kramt in ihrer Tasche und juckt sich mehrfach die Nase.
Von „wichtigen“ B-Klasse-Topmodels ist man so ein Verhalten gewöhnt. Das ist dieses „ich bin jetzt wer oder zumindest glaub ich das“-Verhalten. Die A-Models sitzen ruhig wie eine Statue. Schließlich haben sie einen Job zu tun.

Fast tut es mir ein bisschen Leid, dass ich so ein hübsches Make up gezaubert habe. Aber  Toni freut’s.
Problem 2: die Haare. Waschen? Mit kaltem Wasser? Es juckt mich fast ein wenig in den Fingern. Andererseits bin ich kein Beauty-Salon. Also versuche ich mich mit Trockenshampoo und einer Tonne Haarspray an Wasserwellen, die in diesem Falle die einzig tragbare Lösung sind. Susi meint: „also das geht gar nicht.“ Naja, geht besser als vorher. Was sie sich den vorgestellt hätte, frag ich. „A bisserl locker und viel Volumen.“ Ich schick sie an den Set.
Vollig fasziniert beobachte ich, wie ein Mensch mit so wenig Körperspannung überhaupt stehen kann. Mich müsste man an Angelschnüren aufhängen, damit ich diese Nicht-Haltung hinbekomme ohne umzufallen. Dazu macht die Dame ein Gesicht – naja, eher kein Gesicht – als wäre sie beim Zahnarzt. Toni tut mir immer noch Leid.

Susi kommt zurück – Make up 2 ist dran. Sie meint: „aber jetzt gibst Dir ein bisserl Mühe – sowas bin ich nicht gewohnt.“

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